Übers Wochenende stand eine Stippvisite nach Helsinki auf dem Programm. Grund dafür war die Neu-Inszenierung des grandiosen schwedischen Musical-Epos' "Kristina från Duvemåla", welches seit Ende Februar auf dem Programm des frisch renovierten Svenska Teatern steht! Auf Schwedisch versteht sich.
Svenska Teatern, Helsinki
Somit wird das von Benny Andersson und Björn Ulvaeus (ABBA) komponierte und getextete Musical erstmals ausserhalb Schwedens aufgeführt! Wie schon in Schweden, scheint "Kristina" nun auch in Helsinki ein Grosserfolg zu werden. Die meisten Aufführungen sind ausverkauft und für die nächsten Vorstellungen gibts jeweils nur noch wenige Rest-Karten zu kaufen. Die Laufzeit wurde bereits bis Mai 2013 verlängert. Tickets gibts hier.
Ein Cast von über 30 (!!) Personen überzeugte auf der ganzen Linie. Details (auf Schwedisch) zum Cast gibts hier.
Das Bühnenbild war dezent zurückhaltend, aber sehr effektiv, wenn auch sehr gewöhnungsbedürftig im zweiten Akt mit dem "hängenden" Ackerfeld!
Die Inszenierung selber wusste ebenfalls zu überzeugen, verzichtete man doch wohltuend auf überdramatisierte und überemotionalisierte Szenen. Die Geschichte bietet nüchternes, aber lebensnahes Drama genug!! Der besonnene, aber klare Stil entspricht auch vollauf der detaillierten Vorlage von Vilhelm Moberg, dessen Vier-Band-Epos ("Die Auswanderer", "In der neuen Welt", "Die Siedler", sowie "Der letzte Brief nach Schweden") auf dreieinhalb Stunden gestutzt werden musste.
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Details zum Musical gibts hier (deutsch) oder hier (englisch). Windmaschinchens frühere Beiträge zu "Kristina" gibts hier und hier. Und hier noch eine wunderbare Web-Site, die sich intensiv um Kristina und andere Benny & Björn-Tätigkeiten/Projekte kümmert: icethesite.com
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Die Hauptrolle der Kristina wird standardmässig von Maria Ylipää gespielt und gesungen. Die Rolle von Karl Oskar, interpretiert von Robert Noack, leidet wie immer etwas darunter, dass die überwältigenden Songs und die eindringlichen Geschichten, und davon gibt es einige!, entweder von Kristina oder dann von Robert (Karl Oskars Bruder) gesungen werden. Letzterer übrigens gespielt vom alles überragenden Oskar Nilsson, dessen "Guldet blev till sand" die Theater-Besucher unisono zu Tränen rührte! Bewegend und ergreifend! In der Rolle der Dorf-Hure Ulrika wusste Birthe Wingren zu glänzen.
Sie alle haben das Glück und das Können und vor allem das Privileg, herzensschöne, wundervolle und vor allem melodiöse und stilvolle Kompositionen vorzutragen, die in einem Wort ergreifend sind! Ein wahres Geschenk der Musik!
"Kristina frånd Duvemåla" im Svenska Teatern, Helsinki! Noch bis Mai 2013! Absolut empfehlenswert!
Anmerkung zum Theater-Layout: Wer Buchungen für "Kristina" machen möchte, sei empfohlen, so weit vorne wie möglich, respektive in der ersten/vordersten Reihe Balkon zu buchen. Denn ansonsten läuft man Gefahr, entweder eine Säule oder Köpfe oder gleich beides vor sich zu haben. Die Abstufung der Reihen ist leider minimal ausgefallen bei der Renovation und die Sichtverhältnisse nicht immer optimal. Hat natürlich auch etwas mit den baulichen Begebenheiten des Theaters zu tun.
Dass Italien den Abschluss macht meiner Serie der Gedanken zu den einzelnen Beiträgen des Jahres 2012, ist kein Zufall! Einerseits wollte ich dieses "Gedanken-Jahr" mit etwas Positivem abschliessen und andererseits soll Italien dafür stehen, wie ausserordentlich und aussergewöhnlich gut die BIG5-Beiträge (Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Italien und Spanien) dieses Jahr sind.
Ich mag mich in der Tat nicht zurück erinnern, wann und ob überhaupt mir je ALLE BIG4/5 durchs Band so gut gefallen haben wie 2012! Es ist bemerkenswert!
Nur so beiläufig wurde am Finale des diesjährigen Sanremo-Festivals dem Publikum mitgeteilt, dass es die 1980 geborene Nina Zilli (bürgerlicher Name Maria Chiara Fraschetta) sein werde, die Italien am ESC 2012 in Baku vertreten soll. Diese kam schnell mal auf die Bühne, winkte artig ins Publikum, machte einen Knicks und verschwand gleich wieder.
In der Folge wurde spekuliert, mit welchem Titel sie in Baku antreten werde. Schnell einmal hiess es, sie werde mit dem Sanremo-Titel "Per sempre" antreten.
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"Per sempre"
Dass "Per sempre" aus dem ESC-Rennen genommen wurde, konnte ich bis auf eine Kleinigkeit relativ gut verschmerzen. Das aufmüpfige "Zwischen-Spiel" (Bridge?), das nach 2:32 (höre unten) beginnt, empfand ich als absolut genial gemacht und vorgetragen! Das hätte die Zuschauer regelrecht aus dem Sofa gehauen durch dessen Intensität und, ja, Italianità. Das Davor und das Danach entsprachen dem uns seit jeher bekannten canzone italiana, aber das Dazwischen wäre nicht zu toppen gewesen. Als Ganzes wirkt aber "L'amore è femmina" einheitlicher und moderner produziert und somit war der Tausch zu verkraften für mich.
Nina Zilli - "Per sempre"
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Wie wir alle wissen, wurde diese Entscheidung bald einmal aus Italien, das sich in seiner Entscheidungsfindung langsam aber sicher zu ukrainisieren beginnt, de-entschieden und man liess verlauten, Nina Zilli werde nun mit dem Titel-Track ihrer gleichnamigen im Februar 2012 erschienenen CD "L'amore è femmina" (orig. ital. Version: hier)antreten. Kurze Zeit später wurde dann diese Mitteilung noch damit ergänzt, dass der Titel noch den Zusatz "Out of love" bekommen habe, was nichts anderes bedeutete, als dass sie Teile davon auf Englisch singen wird.
Jetzt, wo das finale Video da ist (höre unten), weiss man, dass man wohl eher sagen muss, dass Teile davon auf Italienisch gesungen werden, denn der grösste Part von "L' amore è femmina" wird in englischer Sprache vorgetragen! Das ist auch der einzige Punkt, den ich dem Song ankreide. Ansonsten besticht der Song für mich durch seine Dynamik und seinen Schwung. Eine vollauf gelungene, frische und kompakte Komposition mit einem Retro-Sound, dem man nicht vergessen hat, Schwung, Temperament und Eleganz der heutigen Zeit hinzuzufügen! Fortissimo!
Dass beim Hören und Sehen von "L'amore è femmina" auch schon mal Amy Winehouse durch meinen Kopf gegeistert ist, spielt für mein Hör- und Seh-Vergnügen keine Rolle. Nina Zilli ist Original genug! Einzig die "First Lady, Marsha Dale"-Frisur (aus "Mars Attacks!") bringt mich auch schon mal zum Schmunzeln!
Nina Zilli wird sich mit diesem Song, dieser Stimme und ihrer Bühnenpräsenz sehr, sehr weit nach vorne singen und ich meinte jetzt mal, dass das Resultat vielleicht gar "euphorisch" ausfallen könnte! Und, last but not least: sie ist una bellissima donna!
Was für ein "straight-into-your-face"-Start in die Eurovisions-Woche kommenden Mai! Satirischer Funk pur! Montenegro eröffnet (nach 2008 und 2009) zum dritten Mal (bei nur vier Teilnahmen!) das Halbfinale und fordert dem Zuschauer gleich mal alles ab! Da werden viele ESC-Negativisten gleich von Beginn weg ihre ESC-Vorurteile bestätigt erhalten!
In dieser "Rein!-Sing!-Raus!-Nächster, bitte!"-Halbfinal-Schleuse werden selbst die paar wenigen, die es eventuell merken könnten, dass hinter diesem Hau-Ruck-Beitrag eigentlich mehr steckt als bloss ein "Blödel-Beitrag", keine Zeit haben, dies zu bemerken!
Mit dem Thema Euro trifft Rambo Amadeus in der Tat einen Nerv der Zeit. Inhaltlich dreht sich auch einiges um den Euro, zieht aber Kreise, die über das monetäre hinaus gehen. Selbst der ESC bleibt hierbei - je nach Interpretation - nicht verschont!
An einer Stelle sprech-singt Rambo Amadeus folgende Zeile:
"I got no ambition for high position, in competition with air condition"!
... und gibt somit gleich von Beginn weg den Tarif durch, was er an diesem Anlass beabsichtigt oder eben nicht beabsichtigt! Schon fast genial!
Dies ist nur eine von mehreren Beispielen des nur scheinbar sinnfreien Textes, der uns Rambo Amadeus (mit bürgerlichem Namen Antonije Pušić) frontal entgegen wirft!
Hier ein weiteres Beispiel, das an Slam Poetry grenzt, das aufzeigt, dass eben wohl doch einiges mehr als blosses und wahlloses Hinhauen von Worten hinter dem Ganzen steckt:
"Need contribution from the institution to find solution for pollution to save the children of the evolution"
Selbst ein deutscher Satz findet Unterschlupf in diesem verzweigten Text:
"Blaue Grotte Ausflug do [nach] Žanjica"
... und führt im Video wohl deutschsprachige Touristen zur blauen Grotte vor Žanjica, wo 1919 das von der deutschen Firma Krupp AG gebaute SMS Kaiser Franz Joseph I. der K.u.K. Marine mal als Hulk-Waffenlager vor Anker lag, bevor es durch unsachgemässe Beladung und offenen Bullaugen in einem Sturm sank! Ob Rambo Amadeus wirklich dies im Kopf hatte, ist natürlich fraglich!
Vielleicht ist es ja auch nur ein simpler Hinweis an jenes Land, aus dem notabene die grössten Finanzkrisen-Zahlungen der Geschichte stammen, seine Geld-Ausschüttung geografisch doch ein bisschen "anzupassen"!
Nimmt man im Video den Esel (der dem gemeinen Bürger die Euro aus der Tasche frisst) als Sinnbild Europas ins Auge, begibt sich Rambo Amadeus auf eine heikle Gratwanderung, wenn man bedenkt, dass die EBU jegliche politische Aussage in den Songs verbietet. Soweit scheint dies aber für die EBU kein Problem zu sein. Ist auch besser so! Denn rein vom Text her, gibts ja eh keine Probleme, denn explizit steht da nichts Politisches zu lesen! Aber die Interpretation dessen, ist etwas ganz anderes! Satire eben! Und auf der Bühne wirds ja auch keinen Esel zu sehen geben, zumindest keinen richtigen!
Montenegro zeigt erheblichen Mut mit diesem nicht zynischen, sondern satirischen Beitrag, der wohl nicht nur die meisten, sondern wohl fast alle Zuhörer und Zuschauer überfordern wird, wenn nicht sogar abschrecken wird! Inhaltlich, wie musikalisch, wie darstellerisch!
Abgesehen vom Wort "krass", brachte ich gerade noch das Wort "grotesk" über die Lippen, nachdem ich "Euro neuro" erstmals gehört habe!
Ich schaute dann mal im Duden nach, was "grotesk" so alles bedeuten kann:
abenteuerlich, absonderlich, absurd, ausgefallen, bizarr, eigentümlich, eigenwillig, extravaganz, komisch, merkwürdig, seltsam, sonderbar, ungewöhnlich, im saloppen Sinn auch irre und im abwertenden Sinn auch lächerlich.
Ich kam für mich dann zum Schluss, dass "Euro neuro" in der Tat ein grotesker Beitrag darstellt und zwar im positiven Sinne! Dem gemeinen Zuschauer am 22. Mai abzuverlangen, sich intensiv mit diesem Beitrag auseinanderzusetzen, ist (zu) viel verlangt an einem Anlass wie diesem. So willkommen so ein verzwackter Beitrag auch ist!
Sicher, ich will den Song nicht besser reden, als er selbst für meine Ohren ist, wo er schwer mit meinem Habitus zu kämpfen hat.
Was ich aber an diesem kruden und abstrakten "Euro neuro" wirklich schätze, ist seine Gleichgültigkeit dem Mainstream gegenüber (was in seiner Kurz-Bio auf Rambo Amadeus' Homepage explicit auch erwähnt wird) - mit all seinen Konsequenzen! Und diese Gleichgültigkeit der Massen resp. der Masslosigkeit gegenüber deckt sich zu 100% mit den zugegebenermassen eigenwilligen Ideen und Gedanken des Künstlers.
Da macht sich in der montenegrinischen Delegation wirklich niemand gross Gedanken darüber, ob sie damit vielleicht nicht ins Finale einziehen werden. Sie, ich und wir alle wissen, dass sie es nicht schaffen wird. So viele Zyniker und "Satiristen" bringt wohl selbst der Rambo Amadeus nicht ans Telefon geschweige vor den Fernseher! Oder täusche ich mich?
Und doch wird Montenegro einen extremen und viel diskutierten Farbtupfer hinterlassen, der wohl länger im Gedächtnis der Zuschauer haften bleibt, als die drei Vorgänger aus deren Land!
Mit anderen Worte: "Euro neuro" ist Montenegros vierter und soweit mit Abstand bester Beitrag (was wirklich nicht schwierig war, hört man sich deren Track-Record mal an!)!
Nicht leicht konsumierbar und schwer verdaulich, aber sehr interessant und provokativ! Im Gegensatz zu einigen anderen Beiträgen dieses Jahrgangs hat dieser Song hier so etwas wie Grips und Intelligenz! Respekt!
Lange ists her, seit sich die Ukraine für Gaitana entschieden hat! Ich weiss schon gar nicht mehr, wie es dazu gekommen ist. Aus Erfahrung weiss man aber auch, dass Entscheide aus diesem Land mit Vorsicht zu geniessen sind und öfters mal "de-entschieden" werden und wartet deshalb mal ab.
Es gab eine kurze Zeit, als "Be my guest" resp. die Sängerin Gaitana zwar nicht wackelte, aber doch indirekt für aufsehenerregende Schlagzeilen sorgte, und zwar für einmal nicht aus Plagiats-Gründen oder wegen Frühveröffentlichung, mit welchen uns die Ukraine mit hoher Kadenz eindeckt, sondern wegen frontal rassistischer Töne eines Mitglieds aus einer rechtsgerichtetenen nationalistischen Partei des Landes, die, kurz gesagt, die Ukraine den Ukrainern vorbehalten sieht! Daher passte die dunkelhäutige Gaitana mit ihren kongolesischen Wurzeln nicht in sein hirnloses Bild der Ukraine. Glücklicherweise stellten sich subito namhafte Ukrainer, wie Vitaliy Klitschko, Ruslana und andere mehr, hinter die stimmgewaltige Gaitana. Wer mehr darüber lesen möchte, kann dies untern den Links am Ende des Wikipedia-Artikels über Gaitana (s. oben) tun.
So viel zu diesem und ähnlich gelagerten hirnverbrannten Typen! Und nun zurück zum Song!
Heiliges Kanönchen, wünsche ich mir eine Plagiats-Affäre herbei. David-"When love takes over"-Guetta-Plagiat, jemand???
Trotz aller Sympathie zu Gaitana, aber diesen Song kann ich nicht mehr hören, geschweige ertragen, denn er zieht an dem, wo früher mal Nerven dran hingen!
Erinnert das Intro (wie auch das Outro) noch entfernt an Ruslana's Trembita-Hörner aus "Wild dances", ist all das, was dazwischen liegt, eine riesige Herausforderung für mich und meine Ohren, die selbst in zugeklapptem Modus ihr Fett abkriegen. Vor allem dann, wenn die Skip-Taste nicht gerade in Griffnähe ist. Das Wort "eindringlich" erhält in diesem Lichte ein ganz andere, neue und schmerzhafte Bedeutung!
Fast alles hat einen erstaunlich und erschreckend hohen Nerv-Faktor: der Dauer-Repeat-Modus, der kreischige und langgezogene "Gueeeeeeeeeest"-Refrain und mit Fortdauer auch Gaitana's Stimme!
Wo ist sie denn, die uns so bekannte ESC-Ukraine, wenn man sie am nötigsten hat??? Frühveröffentlichung, jemand??
Ich kann mich da nur einem "Be my guest"-Forum-Eintrag auf dieser genialen ESC-Seite anschliessen und sagen: "Danke für die Einladung. Ich werde nicht kommen!"
Andrej Babić's Seelenverwandtschaft mit Estragon und Wladimir!
Wie seit scheinbar Menschengedenken wurde auch dieses Jahr anlässlich des Festival da Canção darüber entschieden, wer das Land am äussersten Westrand Kontinentaleuropas in der (grosszügig zugeteilten) östlichsten Ecke Europas vertreten wird.
Ende letzten Jahres wurde der Fado, der schwer melancholische und sehnsüchtige Musik-Stil Portugals, ins UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen. Diese Ehre nahm sich das portugiesische TV, RTP, zu Herzen und veranlasste, dass die Beiträge fürs 48. Festival da Canção nicht nur auf Portugiesisch gesungen werden müssen, sondern auch im Zusammenhang mit der portugiesischen Musik, dem Fado im Besonderen, stehen müssen. Dass dann ausgerechnet ein nicht-portugiesischer Komponist das Rennen machte, war nicht nur bitterböse Ironie des (portugiesischen) ESC-Schicksals!
Dieser "nicht-portugiesische" Komponist ist in Tat und Wahrheit der Kroate Andrej Babić, der nun bereits zum sechsten Mal als Komponist am ESC vertreten sein wird. Die bisherigen fünf Titel schrieb er für: Kroatien 2003, B&H 2005, Slowenien 2007, Portugal 2008 sowie Slowenien 2009.
Während seine schwedischen Schlager-Kontrahenten Fredrik Kempe (letztes Jahr mit Schweden) sowie G:son (wohl dieses Jahr mit Schwedenund Spanien) zum Schaulaufen ansetz(t)en, versucht sich der kroatische Schlager-Barde Andrej Babić einmal mehr in Portugal, in der Hoffnung, endlich den grossen Wurf zu lancieren, um den Anschluss zum schwedischen Schlager-Express nicht endgültig zu verlieren.
Im Gegensatz zu G:son, der mich dieses Jahr zu einem zähneknirschenden Doppel-Lob (Schweden hier, Spanien da) nötigte, enttäuscht mich zumindest der Kroate nicht, liefert er doch mit "Vida minha" in etwa das, was ich aus dieser Ecke (und da meine ich die musikalische und nicht die geografische Ecke) erwartet habe. Und das ist nicht gerade viel!
Es versteht sich (leider) von selbst, dass Fado-Superstar Mariza sich nicht für diese ESC-Occasion zur Verfügung stellen wollte. Das wäre wohl die grösste Sensation seit Patricia Kaas' Teilnahme gewesen.
Auf jeden Fall ging aus dem portugiesischen Vorentscheid die 1985 geborene Fado-Sänger Filipa Sousa (gebürtiger Name Filipa Alexandra Nunes Alves de Sousa) als Siegerin hervor.
Wann ein Musik-Stück genau dem Fado zugeordnet werden kann und wann nicht, kann ich nicht beurteilen. Dafür fehlt mir schlicht das Wissen. Wenn also "Vida minha" diesem Genre zugeteilt werden kann, dann seis so. Ich kenne den Fado nur von einigen CDs der genialen Mariza und beim Zuhören ihrer Werke und ihrer Interpretation derer, übermannen mich ganz andere Gefühle (der Sehnsucht, des Weltschmerzes und der Schwermut), als wenn ich mir dieses emotionalisierte "Nicht-viel" von einem "Vida minha" anhöre!
Fado hin oder her, aber "Vida minha" berührt mich nicht im Geringsten, weder aus allgemein musikalischer Sicht noch aus meiner Fado-Laien Sicht, und wirkt auf mich wie Disney's "Dornröschenschloss", das aussieht wie Schloss Neuschwanstein, es aber eben nicht ist, sondern lediglich eine Imitation! Nachgemacht, statt Eigenständigkeit!
Das grosse Warten auf den grossen Wurf geht für Andrej Babić also weiter. Irgendwann wird er aber kommen der grosse Wurf! Er wird! Irgendwann! Genauso wie Godot!
Das bosnische TV (BHRT) setzte seine Tradition auch dieses Jahr fort und wählte intern darüber ab, wer das Land in Aserbaidschan vertreten soll. Die Wahl fiel auf die 1981 geborene Maya Sar, die mit ihrer Eigenkomposition "Korake ti znam" im Gepack nach Baku reisen wird.
Dies ist bereits Maya Sar's dritter Auftritt an einem ESC. Doch dieses Mal ist alles ganz anders als zuvor, steht sie doch erstmals an vorderster Stelle!
2004 war sie im Background-Chor von Deen ("In the disco"). 2011 gehörte Maya Sar (am Klavier) zur musikalischen Unterstützung des genialen "Love in rewind" des nicht minder genialen Dino Merlin!
Was fällt mir persönlich zum diesjährigen Beitrag aus Bosnien & Herzegowina so spontan ein?
Hier eine Auswahl an Stichworten, die mir beim Hören von "Korake ti znam" durch den Kopf gehen:
absolute Klasse
stilvoll und gediegen
musikalischer Tiefgang
authentischer Gesang
versprüht Persönlichkeit
vermittelt Ehrlichkeit
hat Charakter
fühlbare Intimität
grosse Sensibilität
entwaffnend zurückhaltend
das wohl beste Video des Jahrgangs 2012
Dann wären aber auch diese nicht immer zu unterdrückenden Eindrücke, wie:
langatmig
teilweise fad
austauschbar
ohne grosse emotionale Steigerung (trifft für mich vor allem dann zu, wenn man, wie ich, der Sprache nicht mächtig ist)
Ich tue mich schwer damit, "Korake ti znam" nicht zu mögen, aber es fällt mir noch schwerer, ihn zu lieben! So viel Klasse und so viel Stil! Was für eine gediegene Zurückhaltung! Und trotzdem!
Dass mir dann (nach 1:48 des Songs) mein Italiener mit ausgestreckten Armen und einer Kelle in der Hand haltend auch noch laut "Titanic!!" aus der Küche entgegen schrie, war der Sache auch nicht gerade dienlich (bevor er sich schmunzelnd wieder der Pfanne widmete), wohl wissend, was so eine Bemerkung in mir auslöst: Film-Riss!
Am Ende auch dieses Tages fehlt mir diese für mich so eminent wichtige emotionale musikalische Steigerung, die mich glauben lässt, dass dieser Song doch noch irgendwohin führt ..... ausser eben nach Baku!
"Korake ti znam" ist alles andere als schlecht, überhaupt nicht, aber der letzte "Zacken" fehlt mir hier einfach. Ausgerechnet der wichtigste!
Nach mehreren Versuchen hat es Pasha Parfeny nun also doch geschafft, seine Heimat Moldawien am ESC zu vertreten.
Bis 2009 war er Sänger der Gruppe "SunStroke Project". In jenem Jahr platzierte sich die Band mit dem Song "No crime" an dritter Stelle der nationalen Vorausscheidung. Unvergesslich dabei die "lebenden Kartoffelsäcke"!!
2009 löste er sich von der Gruppe los und ging 2010 als Solo-Künstler an den nationalen Vorentscheid und belegte dort mit "You should like" den zweiten Platz. Und wer stand dem guten Pasha damals vor der ESC-Sonne?? Genau! SunStroke Project! Was für eine Ironie des Schicksals! Mit "Run away" qualifizierten sich SunStroke Project nicht nur für Oslo, sie zogen auch noch gleich ins Finale ein!
Pasha's nächster Versuch folgte bereits 2011, als er mit "Dorule" abermals das Nachsehen hatte.
Ich konnte mich bis heute nicht zu einer eindeutigen Meinung zu "Lăutar" durchringen. Einerseits bin ich begeistert von diesem frischen und authentischen Turbo-Sound aus der dortigen Region. Andererseits nervt mich der repetitive Gesangsteil, sowie nicht selten die gepresste Stimme von Pasha Parfeny heftig. Obwohl knuddelig von oben bis unten, erinnert mich sein Auftreten (was ich auch schon mal als "Gehabe" tituliert habe) auch noch an Norwegens Tooji. Das sind beide mit Sicherheit nicht meine Brüder ...!
Am Ende des Tages genügt es mir wohl nicht, "Lăutar" wirklich zu mögen, wenn lediglich der Sound/die Musik auf der "Like"-Seite zu finden sind, während der Rest, wie eben z. B. Stimme, Gesangsteil und Auftreten auf der "Dislike"-Seite zu liegen kommen.
Da Moldawien im selben Semi singt wie Rumänien, sind ihnen und vice versa die 12 Punkte sicher. Ein für Moldawien nicht zu unterschätzender Vorteil, wenn es dann darum geht, ins Finale einzuziehen. Rumänien schafft den Einzug eh mit Bravour!
Notabene singt auch die Schweiz im selben Halbfinale...!
Zuständig für den belgischen Beitrag war dieses Jahr das flämische TV (Eén). Dieses bestimmte, dass die 1995 geborene Iris (mit bürgerlichem Namen Laura van den Bruel) das Land vertreten soll. Diese hatte, unter dem damaligen Künstlername Airis, 2011 mit "Wonderful" einen kleineren Hit in Belgien zu verzeichnen.
Der Sender stellte sodann seinen Zuschauern vor die bemitleidenswerte Aufgabe, zwischen zwei an der Null-Punkte-Grenze liegenden Balladen auszuwählen: "Would you?" und "Safety net". Hört man sich die beiden Song an (nicht empfehlenswert!), versteht man auch, wieso das Resultat (53% - 47% zugunsten von "Would you?") so knapp ausgefallen ist! So etwas nennt man eine Re-Definition des Sprichworts "Die Qual der Wahl" ....!
Würde ich für "Would you?" eine SMS-Stimme opfern? Nein, nicht wirklich! Denn der Song ist mir schlicht zu fade und, ja, einfach zu langweilig. Er führt mich nirgendwohin, ausser vielleicht schnell aufs stille Örtchen!
So zügig wie bei diesem Beitrag habe ich in diesem Jahrgang die Skip-Taste noch nie betätigt. Meistens schon, bevor ich jeweils überhaupt weiss, um welches Land es sich gerade handelt!
Immerhin ist dem Song anzurechnen, auf prätentiösen oder pathetischen Firlefanz zu verzichten, und punktet zumindest dank seiner Schlichtheit. Das ist aber schon alles an Positivem, was ich "Would you?" abringen kann. Schlichtheit ist halt auch immer der schmale Grat zwischen Genialität und Belanglosigkeit und da ordne ich Belgiens Beitrag eindeutig Letzterem zu!