Dienstag, 20. März 2012

Grossbritannien 2012: Engelbert Humperdinck - "Love will set you free"


Grossbritannien 2012
Artist: Engelbert Humperdinck
Titel: "Love will set you free"

Engelbert Humperdinck im Web:

BBC
Was sollte man dazu nur sagen? - zur Entscheidung der BBC vor ein paar Wochen, Engelbert Humperdinck nach Baku zu entsenden. Ich war damals sprachlos und bin es, ehrlich gesagt, auch heute noch! Und das hat eigentlich gar nichts mit Engelbert zu tun.
Mein Ärger gilt eigentlich einzig und alleine einem Mann, der in Grossbritannien, der einstigen grossen Grand Prix-Nation, den Ruf des ESC anfangs mit hintergründigen, cleveren und pointierten Kommentaren in bester britischer Tradition, später dann aber mit hämischen und zynischen Bösartigkeiten demontiert hat, bis im Königreich eigentlich nur noch die EU ein schlechteres Image hatte als der ESC.
Die Rede ist natürlich von Terry Wogan. Seine Ironie und der dargelegte Sarkasmus waren Kult und meistens auch träf. Natürlich hat der ESC das Seinige dazu beigetragen - vor allem in den tieffliegenden 1990er Jahren. Der ESC begann sich dann aber zu entwickeln, in mikroskopisch kleinen Schritten zwar, aber immerhin. Terry Wogan derweil blieb stehen und seine viel gerühmten Pointen und Punches verkamen zum Programm und er zum Zyniker.
Und das Resultat? Seit einigen Jahren ist der Anlass auf der Insel eine reine Lachnummer und Grossbritannien am ESC eines der erfolgloseren Länder der letzten Jahre und musikalisch schon längstens vom ESC-Karren gefallen.
Der angerichtete Schaden ist immens und Hoffnungen auf Image-Pflege aus musikalischer Sicht sind nicht auszumachen! Der Entscheid, Engelbert Humperdinck vor den Karren zu spannen, ist einfach nur ein weiteres Stückchen im britischen 12-Punkte Flickwerk.
Terry Wogan ist unterdessen weg und seit 2009 kommentiert Graham William Walker alias Graham Norton den Anlass für BBC. Auch er ein Ire, aber das ist hoffentlich auch die einzige Gemeinsamkeit der beiden.

Engelbert Humperdinck
Aber das hat, wie gesagt, alles nichts mit Engelbert Humperdinck zu tun. Er wäre ja auch blöd gewesen, die Anfrage der BBC auszuschlagen. So eine Möglichkeit zum x-ten Karriere-Frühling im Spätherbst seines Lebens liesse sich niemand nehmen! Fragt mal la Lys!

Der 1936 in Madras (heutige Chennai)  unter dem Namen Arnold George Dorsey geborene Engelbert Humperdinck hatte seine Blütezeit während der Schnauz-Phase des letzten Jahrhunderts. "Release me", "The last waltz" und "Quando, quando" sind nur drei Beispiele seines riesigen Hit-Repertoires.
Es gibt aber auch einige musikalische Sünden und die lassen sich wohl nur mit einer ausgewachsenen Karriere-Endzeit-Panik erklären. Gemäss Wikipedia nahm Engelbert Humperdinck 1989 ein Album  mit Songs von Dieter Bohlen auf mit dem Titel "Ich denk an dich". Darunter gibts ohrige Gräueltaten, wie "Red roses for my lady" oder "I wanna rock you in my wildest dreams"

In Deutschland durfte Enge, wie er von den Fans genannt wird, aber nur unter dem Namen Engelbert auftreten, da die Verwandtschaft des namensgebenden deutschen Komponisten der Oper "Hänsel und Gretel" die Freigabe des Künstlernamens verweigerten.
Nebst der offiziellen Version, wie Arnold George Dorsey zu seinem Künstlernamen gekommen ist, gibts auch noch diese typisch britische Version hier!

Nun steigt er also hinein ins unberechenbare ESC-Rennen. Sein Song: "Love will set you free"!
Herausgekommen ist alles, aber nicht die auch bei mir erwartete Bombast-Schnulze! Im Gegenteil. Eine feinfühlige, harmonische und leicht melancholische Ballade mit feinsten und leisen Tönen ist eingetroffen, die auch trefflich in einem Musical untergebracht werden könnte. Lieblich und melodiös! Der Schmalz von früher ist weg, man vermisst ihn nicht.

Wirklich erstaunlich ist, dass genau dieser Song auch mit einem Grossorchester hätte überproduziert werden können. "Love will set you free" würde sich perfekt dazu eignen. Aber man entschied sich für die dezente, zurückhaltende Version und genau das macht, meiner Meinung nach, den Song so speziell und schlussendlich so schön!
Einzig beim Schluss schimmert der "alte" Crooner etwas durch. Die Rückung kurz vor Schluss und der Abschluss des Songs verbauen mir etwas die ungemeine Intimität des wunderbar schlicht instrumentierten Songs. Diese Schlichtheit der Melodie und diese Intimität des Gesangs sind ja gerade das Mitreissende am ganzen Song. Da hätte man auch gut und gerne auf die Rückung verzichten können und das Ende in den unteren Tönen belassen können.

Am Ende des Tages lässt sich sagen, dass "Love will set you free" eine schöne, grosse Überraschung ist, die uns aus Grossbritannien erreicht. Eine sehr schöne! Die Fans aus den Ur-Zeiten Engelberts werden so oder so für ihn anrufen in Baku. Mit dieser zeitgemässen und sensiblen Ballade werden aber noch viele neue dazu kommen und am Schluss wird Grossbritannien ziemlich weit vorne zum Stehen kommen. Ich denke mir mal, nicht zuoberst. Aber zumindest weit oben.

Und die BBC wird wohl wieder einmal den Kopf aus der ESC-Schlinge ziehen können und dank eines "Notnagels", der alle, auch Windmaschinchen, überrascht hat, ein respektables Ergebnis einspielen. Dem Engelbert und dem Song würde ich es auf jeden Fall gönnen!

Engelbert Humperdinck - "Love will set you free"