Donnerstag, 5. Januar 2012

Albanien 2012: Rona Nishliu - "Suus"


Albanien 2012
Artist: Rona Nishliu
Titel: "Suus"

Rona Nishliu im Web:

Der letzte Schnupfen des abgelaufenen Jahres ging fast nahtlos über in die erste Erkältung des neuen Jahres! Umso mehr: euch allen, liebe Leserinnen und liebe Leser, ein gutes und gesundes 2012!

Eigentlich hat sich Windmaschinchen fest vorgenommen, den albanischen Beitrag für Baku erst dann zu kommentieren, sobald die offizielle 3-Minuten-Version veröffentlicht sein würde, welche ja im Normalfall um einiges anders tönen wird, als das Original, das am Fik vorgetragen wird. Aber es gibt gute Gründe, diesen Vorsatz gleich wieder über den Haufen zu werfen!

Einer davon ist das Festival selbst, das seine 50. Auflage erleben durfte! Dazu herzlichen Glückwunsch Richtung Albanien! Das Festivali i Këngës (FiK) gehört zu den traditionellsten und ältesten Musik-Festivals Europas. Wie weiland bekannt, wird der albanische ESC-Beitrag seit Albaniens erster ESC-Teilnahme 2004 mit dem Sieg am FiK gekoppelt. Der Sieger vertritt also automatisch das Land am darauffolgenden ESC.

Emotionaler Höhepunkt der Jubiläums-Ausgabe war sicher die viel beklatschte Einspielung des Rückblicks der 10fachen FiK-Siegerin, Vaçe Zela, die leider (gesundheitsbedingt?) nicht live vor Ort war.

Ansonsten bot der Final-Abend das, was sich traditionsbewusste FiK-Hörer und -Seher wünschten: das opulente Orchester, Präsentatoren in Abendgarderobe und viele gute Stimmen, die qualitativ meistens um einiges mehr boten, als das, was die Stimmen jeweils vortragen mussten.

Von den bisherigen Beiträgen Albaniens am ESC konnte mich bis heute kein einziger Beitrag so richtig erwärmen. Sie waren mir entweder zu kitschig, zu brav, zu bieder, zu naiv oder auch schon mal einfach zu langweilig. Die meisten erschienen mir aber vor allem eines: zu mutlos!

Damit ist nun Schluss! Mit „Suus“ gewann der ungewöhnlichste, der aussergewöhnlichste, der ausgefallenste und vor allem der eigenwilligste Song des Final-Abends! Das heisst aber bei Weitem noch nicht, dass der Song auch wirklich gut ist! Im Falle von „Suus“ lässt sich aber - aus meiner Sicht - sagen: er ist es! „Suus“ ist schlicht und ergreifend grandios!

Dass die (albanische) Jury den Mut hatte, so etwas Ausgefallenes (man könnte schon fast sagen so etwas Unpassendes) zum Sieger zu erkoren, hätte ich nicht für möglich gehalten und verdient grossen Applaus. Sie, die Jury, hätte zahllose andere, biedere oder herkömmliche Beiträge auswählen können, um ihre traditionelle und aus meiner Sicht oft auch mutlose Haltung der Vergangenheit beizubehalten. Hier zeigt sich wieder einmal, das Jury nicht gleich Jury ist!


Jeder Song ist nur so gut, wie er auch interpretiert wird. In Rona Nishliu, welche aus Mitrovica (Kosovo) stammt, fand „Suus“ seine Traum-Interpretin! Mit dem angebrachten Feingefühl und der nötigen Intensität in ihrer Stimme versteht sie es nahezu perfekt, dem Song jene unabdingbare Balance zu verleihen, die „Suus“ braucht!
Die ausdrucksstarke Rona Nishliu balanciert sich geradezu akrobatisch durch die Tonleiter, als wollte sie diese gleich aushebeln, und dies mit einer Leichtigkeit, Sicherheit und Stimmgewalt, dass einem schier der Atem stockt und man sich verwundert die Ohren reibt, was in diesem Fall natürlich ein Kompliment ist!!!
Wahrlich eine grosse Sängerin, die sich hier präsentiert, und ein grosses Versprechen für die Region!

„Suus“ hat vom Gefühl her, das sich in mir verbreitet, die Verrücktheit von Prince’s „God“, die eindringliche Intimität von „Sacrifice“ aus dem Film „The Insider“ und das milde Treibende, Pulsierende von Rob Dougan’s „Furious Angels“! Musikalisch gesehen ist „Suus“ aber natürlich komplett eigenständig und lässt sich auch nicht wirklich einer (Musik-)Kategorie zuordnen. „Suus“ schwebt irgendwie komplett abgehalftert von allem gängigen Musikverständnis in der Luft. Was für eine Wohltat!

Die Kombination Rona Nishliu/“Suus“ ist für mich das, was man in der Musical-Branche als „11 o’clock number“ bezeichnet: ein Show-Stopper! Nicht unbedingt im traditionellen Sinne mit Pauken und Trompeten, sondern im intimen Sinne einer fragilen, aber selbstsicheren und dezidierten Offenlegung der eigenen Persönlichkeit. „Suus“ ist ein Song, auf den allein ich mich jetzt schon freue, wenn er dann im Mai auf der grossen, weiten ESC-Bühne vorgetragen werden wird! Wie immer die endgültige Version auch sein mag und was immer sonst noch dargeboten werden wird!

Wenn ein eidgenössischer Zeitgenossen sich ausnahmsweise mal in der Diskussions-Falle „Eurovision“ mit Windmaschinchen wiederfindet, ist eine jener Fragen (die eher einer Aussage gleichkommt denn um eine Antwort bittet) an mich jene nach dem „Warum?“! „Warum tust du dir diese (Eurovisions-)Musik an?“. Seit Ende des Fik 2011 habe ich eine weitere gute Antwort auf diese oft wiederkehrende Frage! Es ist Musik wie „Suus“, auf die ich warte. Es ist Musik wie „Suus“, die mich überraschen kann. Es ist Musik wie „Suus“, die es wagt, anders zu sein, die sich niemandem anbiedert und die einfach sich selber treu sein will! Und es ist Musik wie „Suus“, die man wohl nie im Mainstream-Radio zu hören bekommt  – sondern (in dieser Grössenordnung) wohl nur am Eurovision Song Contest! Und das alleine ist für mich Grund genug, dem ESC zu folgen! Solche Momente sich in der Tat sehr, sehr selten, aber darauf zu warten, lohnt sich immer mal wieder. So ein Moment ist nun wieder da – in Form von „Suus“, gesungen von der wunderbaren und talentierten Rona Nishliu!

Albanien ist somit ein ganz grosser Wurf gelungen!

Nach der Wahl von Sinplus in der Schweiz („Unbreakable“) wurde nun auch in Albanien genau nach Windmaschinchens Geschmack entschieden!! Was für ein perfekter Start ins neue ESC-Jahr 2012! Und Windmaschinchen bereut es schon fast, nicht nach Baku zu fahren dieses Jahr! Aber nur fast….!

Rona Nishliu - "Suus"


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