Windmaschinchen bei
Nach dem tollen Anlass live vor Ort in Kreuzlingen musste Windmaschinchen erst einmal .... schlafen und hat sich jetzt die Show am TV nochmals angeschaut, um zu sehen, wie "Die Grosse Entscheidungs-Show" zuhause bei den Zuschauern angekommen ist.
Hier noch einmal die finale Rangliste:
01. - 23,93% - Anna Rossinelli - In love for a while
02. - 13,36% - Bernarda Brunovic - Confidence
03. - 13,05% - Ilira & The Colors - Home
04. - 11,73% - CH - Gib nid uf
05. - 08,21% - The Glue - Come what may
06. - 07,70% - Sarah Burgess - Just me
07. - 06,49% - Aliose - Sur les paves
08. - 04,36% - Polly Duster - Up to you
09. - 03,30% - Andrina - Drop of drizzle
10. - 02,88% - Scilla - Barbie doll
11. - 02,66% - Duke - Waiting for ya
12. - 02,33% - Dominique Borriello - Il ritmo dentro di noi
Hier nun die Gedanken zu den einzelnen Auftritten.
Ein Klick auf den Namen führt euch zu meinen früher veröffentlichten Gedanken dazu
Zuerst einmal: Herzliche Gratulation an die Baslerin zu diesem beeindruckenden Sieg! Gewaltig. Gewaltig auch ihr Vorsprung auf die Zweitplatzierte Bernarda Brunovic: satte 10%! Da gibt es nichts zu rütteln dran!
Anna Rossinelli - "In love for a while"
Die ausdrucksstarke Stimme überzeugte alle - das Publikum vor Ort wie die Zuschauer zuhause am Bildschirm. Von der Strasse auf die grosse Eurovisions-Bühne, könnte man im Falle von Anna Rossinelli sagen! Hat sie wohl selber damit gerechnet? Wie in einem Märchen!
Ihre Vorstellung war nahezu perfekt. Trotz höchster Anspannung kam Anna Rossinelli am lockersten rüber. Ihre Stimme glasklar, bestimmt und überzeugend. Hey, Anna, wo hast du die ganze Zeit denn gesteckt....! Es ist ein bedenkliches Zeichen für die Schweizer Nachwuchsförderung, wenn eine solch ausgeprägte und überdurchschnittliche Stimme erst jetzt entdeckt wird auf breiter Front!
Wie gesagt: ihre Stimme ist überragend und gibt uns Schweizern wenigstens ein sichereres Gefühl als in all den letzten Jahren. Da hat die Schweiz schon mal einen grossen Vorteil gegenüber früher. Schlechtere Songs, gesungen mit einer grossen Stimme, kommen im Normalfall weiter nach vorne, als gute Songs mit einer schlechten Stimme. Lena sei hier einmal als grosse Ausnahme dieser Regel erwähnt. Dafür hatte diese eine Ausstrahlung und Charisma, die alleine für einen ganzen ESC gereicht hätte...!
Anna Rossinellis gut einstudierter Auftritt wirkte unaufdringlich und den Song unterstützend. Von den Bewegungen her und von der Wahl ihres Kleides kann eine Anlehnung an Lena nicht negiert werden. Aber das gehört eher in die Sparte "Haare in der Suppe suchen".
Windmaschinchen hat immer noch das Gefühlt, dass "In love for a while" nicht wirklich irgendwohin führt. Wie ein Zug, der durch eine wohl sehr schöne, liebliche, aber schlussendlich unaufgeregte Gegend rollt. Genau so, wie sie, Anna Rossinelli, in ihrer Choreographie irgendwie auch selbst darstellt. Auch wenn der Song jetzt kompakter daher kommt, fehlt gegen Schluss hin die emotionale Steigerung, die dieser Song nötig hätte. Der Song, so schön er auch beginnt, wiederholt sich sehr schnell und die "Na-na-na-na"-Passage hat ein erhöhtes Nerv-Potenzial, dass man eigentlich nur hoffen kann, dass das internationale Publikum den Schweizer Beitrag nicht allzu oft zu hören kriegt vor dem Halbfinale!
Anna Rossinelli hat das Feld von hinten aufgerollt. Nur wenige hätten gedacht, dass sie es wirklich schaffen würde. Nicht die im Vorfeld genannten Favoriten schwangen obenaus, sondern eine Aussenseiterin namens Anna Rossinelli.
Welche Chancen hat dieser Song am ESC?
Genau so gut könnte man nach den Lotto-Zahlen des nächsten Wochenendes fragen....! Am ESC weiss man nie.
Sicher ist:
- "In love for a while" ist der modernste Schweizer Beitrag seit vielen, vielen Jahren.
- Anna Rossinelli hat, wie oben geschrieben, eine fantastische Stimme. Neben jener von Francine Jordi wohl die beste, die wir in diesem Jahrzehnt aus der Schweiz am ESC je gehört haben.
- "In love for a while" wird die Jury beeindrucken. Sollte es Anna ins Finale schaffen, wird jemand froh sein, dass die Eurovision die Jurys wieder eingeführt hat!
- Der Song bietet aber auch erhebliches Nerv-Potenzial. Dies zeichnet sich leider bereits in den einschlägigen ESC-Foren ab.
Anna Rossinellis Sieg geht aber schlussendlich voll in Ordnung; zeigt aber auch, dass unter den vorhandenen Beiträgen nicht wirklich ein "instant" Hammer-Song zur Auswahl stand. Wieso es so weit kommen konnte, wurde in diesem Blog schon öfters besprochen. Das soll Annas glanzvollem Resultat keinen Abbruch tun, denn das ist ja nun wirklich nicht ihr Problem!
Nichtsdestotrotz hoffen wir, dass die Schweiz in Düsseldorf ein ansehnliches und für das Land zufriedenstellendes Resultat zustande bringen wird. Windmaschinchen drückt ihr, Anna Rossinelli, deshalb alle Daumen für ein gutes Gelingen!
Was für eine Vorstellung! Selten zuvor hat Windmaschinchen eine solche Transformation erlebt! Da hat jemand sein Herz in die Hand genommen und es hat geklappt! Den Mut, den Bernarda gestern Abend gezeigt hat, ist umwerfend und er wurde belohnt mit einem schlussendlich doch überraschenden aber verdienten zweiten Platz! Das war eben auch das, worüber "Confidence" handelt: Selbstvertrauen auch sich selber gegenüber.
Bernarda Brunovic - "Confidence"
Bitte nicht missverstehen: der Song gefällt Windmaschinchen immer noch nicht, aber was jetzt daraus gemacht wurde, ist für Windmaschinchen das Wahnsinnige! Wie sich Bernarda in die hohen Töne "gestürzt" hat, voller Überzeugung und Selbstsicherheit, ist tief beeindruckend. Was für eine Stimmgewalt! Die Unterstützung der drei Background-Sängerinnen war übrigens etwas vom besten gestern Abend! Stimmlich gut aufeinander abgestimmt und extrem harmonisch!
Kaum vorzustellen wohin Bernardas musikalischer Weg hinführen wird, sollte sie mal einen gehaltvolleren Song zwischen die Stimmbänder kriegen. "Confidence" hat sie mit allen verfügbaren Mitteln (sprich mit ihrem Können) aufgepeppt und wurde - zu Recht - mit dem zweiten Platz belohnt.
Bernardas angenehme und ehrliche Art, so wie sie sich nach der Präsentation gegeben hat, taten das ihrige zum grossen Erfolg von "Confidence"! Es war dann wohl auch ihre Stimmakrobatik, die ihr so viele Stimmen eingebracht haben. Hier zeigt sich wieder einmal, wie wichtig es ist, den perfekten Ausschnitt für die Zusammenfassung zu wählen. Hier ist es gelungen.
Was Windmaschinchen ebenfalls positiv aufgefallen ist, war ihre Brille! Allzu oft tragen blinde oder sehbehinderte Künstler/Innen eine schwarze Brille, um davon "abzulenken", was sich dahinter befindet. Meistens geschieht dies ja aus falscher Rücksichtnahme auf das Gegenüber. Warum sollte Mitmenschen ohne Behinderung das "vorenthalten" werden, mit dem die Betroffenen selber ja umgehen und leben müssen! Daher fand ich die Idee mit der "normalen" Brille toll. Hat ja eben auch etwas mit "Confidence" zu tun!
Ob es nun Platz zwei oder Platz drei ist, spielt schlussendlich keine Rolle mehr, denn der Rückstand auf Anna Rossinelli ist mit über 10% riesig gross ausgefallen.
Genau lässt sich nicht festlegen, wieso "Home" lediglich auf Platz drei gelandet ist. "Home", der eigentlich grosse Favorit im Vorfeld des Finals! Eine Rolle, die die Gruppe nie suchte! Zu sehr war ihr Respekt an die eigene Zurückhaltung
Ilira and the Colors - "Home"
Die Aufführung war ebenso dezent wie das bescheidene Auftreten der Gruppe und der Song selbst in den letzten paar Wochen. Ein wunderbares Bühnenbild, das im Verlaufe des Songs von düster,kalt auf sonnig, warm drehte. Wie der Text in "Home". Sehr passend.
Iliras Vorstellung war sehr gut, wenn auch nicht ganz überragend. Fabian Liechtis "Sprech-Einwurf" war tadellos und ein gut gemachter, harmonievoller "Übergang ins Licht".
Ging es dem Publikum wie Windmaschinchen damals, als es "Home" erstmals zu Ohr bekommen hat? Fast nicht sichtbar vor lauter Bescheidenheit? Nein, Ilira and the Colors haben alles richtig gemacht.
Es wäre wünschenswert, wenn "Home" den Weg ins weite Radio-Land finden würde, nur um den Menschen zu zeigen, welch innere Schönheit und vor allem welche so wichtige Botschaft in diesem Lied steckt, abgesehen mal davon, wie wirklich schön "Home" einfach mal ist! Einfach schön! Diese Chance, dies herauszufinden, hätten doch eigentlich alle verdient, oder etwa nicht...?
Mit andern Worten: war es der falsche Song zum absolut falschen Zeitpunkt? Oder war es die (eine) "falsche" Sprache zum vielleicht nie "guten Zeitpunkt"? Wie fühlt es sich, sich schön zu fühlen, wenn ein grosser Teil dir einzureden versucht, dich hässlich zu finden?
Dass Ilira and the Colors nicht gewonnen haben, lässt sich akzeptieren. Was Windmaschinchen sehr "überrascht", ist der enorme Rückstand auf die Siegerin....!
Rang 4:
CH - "Gib nid uf"
Wenn ich meine Schlussbemerkungen bei Ilira and the Colors anschaue und das Resultat von CH in Betracht ziehe, dann ist der vierte Platz von CH doch eher eine Überraschung - eine negative!
Im IT-Bereich spricht man oft von WYSIWYG-Software - also von "What you see is what you get". Nichts beschreibt den Auftritt von CH besser wie dies!
Überraschungen gabs keine mehr. Kisha, die Background-Sängerin, war als solche schon fast zu oft auf gleicher Höhe mit Nori Rickenbacher. Schon fast wie ein schwer erziehbarer Beagle drängelte sie immer wieder nach vorne...!
CH - "Gib nid uf"
Ich hoffe, dass sich die Verantwortlichen von CH nun wirklich bewusst sind, wieso es nicht zu mehr gereicht hat! Wer es als Gruppe mit diesem Namen in dieser "Umgebung", in dieser Zeit mit einem gefälligen Song wie diesem nicht weiter nach vorne schafft, hat wohl irgendwo doch einen Fehler gemacht.
Gesanglich präsentierte sich "Gib nid uf" wohl im mittleren Bereich des gestrigen Abends. Wie bei allen war die Anspannung auch bei CH vorhanden. Im Gegensatz zu vielen andern Teilnehmenden spürte und sah man diese auch leicht. Der Druck auf CH, resp. auf Nori waren wohl noch um einiges höher als bei den andern Finalisten, denn das Trio fiel altersmässig so zu sagen aus dem Rahmen hier.Abgesehen mal davon, dass es schön ist, dass überhaupt jemand jenseits des Wendepunktes von, sagen wir mal 23 Jahren am Finale teilnehmen durfte....!
Der Auftritt gestaltete sich wie der Song: solid, locker vom Hocker, einfach in Ordnung, aber schlussendlich halt doch uninspiriert und überraschungslos.
Wenigstens hielt Reto Burrell die beste Pointe des Abends auf Lager, als er meinte, dass immerhin die ganze Schweizer Bevölkerung für CH seien, denn auf dem Weg nach Kreuzlingen hätte jedes einen CH-Kleber am Auto gehabt!
Bemerkungen, den Song mit einem englischen Vers zu ergänzen, kann Windmaschinchen nicht unterstützen, denn der Song funktioniert problemlos auf schweizerdeutsch, so einfach er auch gestrickt ist.
Windmaschinchens uneingeschränktes Lob geht - immer noch - an The Glue mit ihrem wunderbaren "Come what may".
Ob A Cappella etwas am ESC zu suchen hat oder nicht, ist eine Frage, die viele wohl mit "Nein" beantwortet haben, auch wenn der fünfte Platz ein mehr als respektables Ergebnis ist!
The Glue - "Come what may"
Windmaschinchen kann sich einfach nicht von der Tatsache lösen, dass "Come what may" ein soooo schönes, vielfältiges, perfekt strukturiertes und emotionsgeladenes Stück Musik ist, dass es für Windmaschinchen keine Rolle spielt, wo es gespielt werden soll und wird. Ob am ESC, in der Kirche, an einer Chilbi, in Bayreuth, an der Scala oder auf der Chinesischen Mauer: "Come what may" haut mich um!
Kaum vorzustellen, was passiert wäre, wäre dieser Song in einer traditionellen, also orchestrierten Version produziert worden.....! Wahrscheinlich wäre es gar nicht erst ins Finale gehievt worden....!
Was für eine vokale Präsenz. Die glasklaren Töne liessen einen Schauer um den andern über Windmaschinchens Rücken laufen. Die "Angst" eines vielleicht nicht millimetergenau getroffenen Tones verflog nach wenigen Sekunden und was folgte waren drei Minuten absoluter Güte gesanglicher Perfektion mit einer Hingabe und einem Charme, die von keinem Teilnehmenden an diesem Abend erreicht wurde. Die Kombination Song/Auftritt/Ausstrahlung fand an diesem Abend in "Come what may" ihren Sieger! Ihr Auftritt war ein Fluss der Gefühle, des Empfindens und Spürens, des Hörens und des Staunens. Ganz grosses Kino! Danke nach Basel!
Mit der Nicht-Qualifikation von The Glue gingen jetzt leider auch gleich die ersten Schnuckelpunkte futsch, für die Jonas Göttin am ESC 2011 definitiv ins Rennen gegangen wäre.....! Doppeltes Pech für Windmaschinchen!
Sarah Burgess scheint sich ja gut erholt zu haben von ihrer Erkältung, die in den letzten Tagen vor dem Finale die (medial inszenierte?) Runde gemacht hat!
Sarah Burgess - "Just me"
Ihr Auftritt war - erfreulich - dezenter ausgefallen, als das, was man von einer ur-amerikanisch geprägten "Göre" erwarten konnte. Da scheint ihr eine gute Fee etwas ins Ohr geflüstert zu haben!
Dass sie noch einiges über die Schweiz zu lernen hat, wird wohl auch ihr bewusst geworden sein. Die von ihr gemachte Äusserung, "nie für ein anderes Land als für die Schweiz anzutreten", kamen eher als strategisch rüber, denn als wirklich ehrlich gemeint. Der fehlende Applaus traf sie wohl wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Während solche Aussagen in den USA zur Pflicht gehören und vom US-Publikum entsprechend quittiert werden, sind sie hier eher ein No-go! Was sie wohl am meisten geschockt haben könnte, war der fehlende Applaus des Publikums, als sie sich halbnackt mit Schweizer Kreuz präsentierte. In den USA wären zwar vielleicht gleich die Sittenwächter aufgetaucht ob ihrer Nacktheit, aber immerhin hätte es einen donnernden Applaus vom Publikum gegeben. Nicht mit Schweizer Kreuz natürlich, sondern mit "Stars & Stripes"! Man lernt nie aus.
Ihr Outfit war eine gute Anlehnung an ihren Song. Farbig, ausgelassen und in der Tat von Kopf bis Fuss durchdacht. Ihre Zwischen-Hoppel alle paar Sekunden waren nekisch und augenzwinkernd. Würde eine Schweizerin so auftreten, würde man sie wohl umgehend in Verwahrung schicken oder jetzt vielleicht gar ausschaffen je nach dem ....; einer Amerikanerin verzeiht man solches und in Sarah Burgess' Fall auch mal gerne.
Wie oben beschrieben, blieb ihr Auftritt angenehm zurückhaltend. Der Schrill-Faktor hielt sich in engen Grenzen und somit konnte sie sich besser auf den Gesang konzentrieren. Dass ausgerechnet sie als einzige im Felde den Einsatz verpasste, war ein böses Zeichen des Schicksals!
Gesanglich kratzte sie aber das eine oder andere Mal am Schreien vorbei. Ob dies nun aufgrund ihrer Erkältung im Vorfeld zu tun hat oder nicht, will ich nicht in meiner Beurteilung einbeziehen, denn vielleicht waren andere Teilnehmende ebenfalls angeschlagen, nur wurden diese vom Boulevard nicht als "publicity-würdig" genug eingestuft.
Wie gross Sarah Burgess' Vebundenheit zur Schweiz ist, wird sich wohl schon sehr bald zeigen, jetzt wo hier "nichts mehr zu holen ist". Und ob "Just me", geschrieben vom "Satellite"-Komponisten John Gordon, wirklich ein Hit werden wird, jetzt wo das Eurovisions-Kapitel für Sarah Burgess abgeschlossen ist, wird sich weisen.
Rang 7:
Aliose - "Sur les pavés"Wie erwartet, war es für Aliose in diesem Deutsch-Schweizer geprägten Vorentscheid schwierig, sich durchzusetzen. Aber vielleicht gibts nächstes Jahr ja das Gleiche, organisiert vom Westschweizer Fernsehen resp. vom Tessiner Fernsehen...!
Aliose - "Sur les pavés"
Ob Platz sieben nun ein Erfolg ist oder nicht, ist schwierig zu beurteilen. Aliose werden sicher enttäuscht sein. Dass "Sur les pavés" nicht weiter vorne zum Stehen kam, liegt eventuell auch ein bisschen an der Ausstrahlung von Alisé Oswald, der Sängerin, an diesem Abend. Sie wirkte auf Windmaschinchen ein bisschen uninspiriert und sogar leicht gelangweilt.
Klar, das Lied lässt keine grossen Möglichkeiten in der Interpretation zu, aber die Körperhaltung verrät auch dann einiges, wenn man einfach "nur" dastehen muss. Die Arme hingen zu oft anteilnahmslos am Körper und wollten zu selten die eigentlich hoch sensiblen Töne mittragen und mitinterpretieren. Sicherheit schien sie nur dann zu finden, wenn sich ihr Blick Richtung Xavier Michel wandte.
Vielleicht muss man in Aliose's Fall wirklich sagen: falscher Song für den falschen Anlass. Denn es ist unbestritten, dass "Sur les pavés" hohe Qualitätsmerkmale hat, aber am ESC von heute am wirklich falschesten Platz gelandet ist. Windmaschinchen hofft einfach, dass Aliose sich durch dieses Erlebnis nicht einschüchtern lassen und auch weiterhin ihren Weg gehen werden, den sie eingeschlagen haben und auf "Geheiss" von RTS kurzfristig verlassen mussten.
Windmaschinchen war dann doch ein wenig überrascht, als sich Polly Duster lediglich auf dem achten Platz wiederfanden! Ist etwas schiefgelaufen? War das Volk dann schlussendlich so darüber enttäuscht, dass unter dem "nicht-schottischen" Schotten-Rock doch noch etwas zum Vorschein kam, woran die meisten gar kein Interesse hatten: die Unterhose?
Polly Duster - "Up to you"
Die zahlreich erschienen Polly Duster-Fans sorgten von Beginn weg gleich mal für Stimmung. Der Rest des Publikums liess sich aber offenbar nicht dazu bewegen, für die Spass-Combo zu voten. Platz acht mit gerade mal 4 % der Stimmen spricht eine ernüchternde wie klare Sprache. Vielleicht war das Publikum auch ein bisschen zu nüchtern, um wirklich grossen Spass an "Up to you" zu haben....!
Ähnliches wie für CH lässt sich auch für Polly Duster sagen: das Publikum erhielt das, was versprochen wurde. Nicht mehr und nicht weniger. Rock der Marke "Geradeheraus". Der nächste Sommer kommt bestimmt und Polly Duster haben durch ihren Auftritt an der "Grossen Entscheidungs-Show" gute Werbung in eigener Sache gemacht und für ein volles Sommer-Programm gesorgt, welches aber - heilige Zwölf-Punkte sei Dank - keinen Auftritt in Düsseldorf vorsieht!
Rang 9:
AndrinA -
"Drop of drizzle"
Was für ein Achterbahn-Gefühl für die zahlreichen AndrinA-Fans in der Bodensee-Arena, als das Resultat bekanntgegeben wurde! Da hören sie von Sven Epiney den Sieger ausrufen, der mit den Buchstaben "An..." anfängt, dann aber nicht etwa Andrina sondern Anna verlauten lässt!
Die Überzeugung der Andrina-Fans auf einen Andrina-Sieg war hoch. Mit Transparenten und T-Shirts ausgestattet versuchten sie gegen die Polly-Duster Fans zu bestehen. Nach Bekanntgabe der Siegerin war die Stille aus den Andrina-Reihen fast lauter als die Jubel-Rufe der Anna Rossinelli-Fans.
AndrinA - "Drop of drizzle"
Nicht zu Unrecht verlautete Peter Reber nach Andrinas Auftritt von der Experten-Couch aus, dass er die Zukunft der Schweizer Musik-Szene gehört habe. Andrinas Talent ist unbestritten und ihr gesangliches Talent weit überdurchschnittlich und vielversprechend.
Wie auch Bernarda zeigte Andrina einiges an Mut und setzte so ziemlich alles auf eine Karte. Auch hier mit Erfolg, was das Gesangliche anging. Die heiklen Tonfolgen schaffte sie fast mühelos und wirklich überzeugend. Hey, das Mädchen ist gerade mal knapp 16-jährig!
Das Outfit passte sehr gut zum Song. Orchestrierung und Instrumentation sowie das Zusammenspiel mit dem Background-Gesang waren optimal. Hier waren Profis am Werk. Man sieht es und man spürt es - an allen Ecken und Enden.
Wie konnte es also so weit kommen, dass eine Favoritin wie Andrina gerade mal auf Platz neun wiederzufinden ist? Hätte ich ihr schlechtes Resultat beurteilen müssen, ohne zuvor ihren Auftritt gesehen zu haben, würde ich die ganze "Schuld" dem Song alleine zuschieben. Nach mehrmaligem Betrachten ihres Auftritts, kamen aber noch ein paar andere - mögliche - Gründe ans Tageslicht!
Alles an AndrinA ist gestylt! Eine Marke in der Entstehung! Alles scheint mir bis ins letzte Detail geplant zu sein. Wo ging die Spontaneität verloren? Die junge Frau ist gerade mal 16-jährig und ich finde trotzdem beim besten Willen keine Spontaneität in der Marke AnrinA. Das fängt beim grossen A am Ende ihres (Marken-)Namens an, führt über das mit Andrina beschriftete Auto, zu einer Website, die einem (rechtlich natürlich korrekt) auffordert, Bilder von Andrina nur gegen Erlaubnis des Managements zu veröffentlichen. Das momentan gross aufgezogene Image-Projekt entspricht zurzeit (noch) nicht dem Stand der Karriere der unheimlich talentierten jungen Frau. Bescheidenheit spricht nicht unbedingt aus all dem heraus. Hier und heute könnte ein ganz anderes Image entstehen, das den Verantwortlichen vielleicht nicht allzu genehm sein könnte!
Bildlich gesprochen: bevor du dir einen Mercedes anschaffst, musst du mal die Fahrprüfung bestehen. Und da bringt es (noch) nichts, wenn man schon mal bei DJ BoBo auf dem Beifahrersitz gesessen ist!
All diese Elemente spiegelten sich in Windmaschinchens Augen auch auf der Bühne zu Kreuzlingen wider: vieles wirkte gestaget, aufgesetzt und gar nicht spontan. Andrinas Mimik verlor sich zu oft auf der Checkliste, um den nächsten Cue (Schritt) von der Liste zu streichen. Hier ging nicht nur die Ausstrahlung verloren. So wenig Herzlichkeit drang aus ihren Augen, die Freude irgendwo im Nebel verloren und so wenig Liebe zum Song entsprang aus ihrem Körper. Der Blick aus ihren Augen verbissen und kühl. Als wollte sie es mit der Brechstange probieren. Zu beschäftigt schien sie mir mit den Gedanken, was als nächstes kommt! Ist hier jemand mit zarten 16 Jahren überfordert oder wird hier eine junge Frau von zarten 16 Jahren überfordert? Ich weiss es nicht!
Wie der Song selbst, kam mir auch Andrinas Performance vor: gepusht, forciert, aufgesetzt und auf etwas getrimmt, das den Machern wohl als "taktisch klug" vorschwebte. Das Menschliche, das Sinnliche, das Authentische und vor allem das Spontane blieben bei "Drop of drizzle" auf der Strecke.
Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Andrina, der Mensch, so ist, wie sie gestern Abend bei mir angekommen ist. Sie ist ja gerade mal beneidenswerte 16 Jahre jung! Und sie hat das Privileg (!!!!!) ein grosses Talent zu haben. Ein Privileg ist das! Carpe Diem!
Und Andrina hat ebenfalls das Privileg, dass ihr das, was gestern Abend passiert ist (und damit meine ich den für sie wirklich enttäuschenden neunten Platz), in einem Alter geschehen ist, wo sie ALLE Möglichkeiten hat, den richtigen Weg einzuschlagen. Sie hat das Talent und kann es immer noch weit bringen, fraglos - diskussionslos! Vielleicht, in ein paar Jahren, wird Andrina dem gestrigen Abend dankbar sein, so wie er verlaufen ist. Ein Schritt zurück, für zwei Schritte nach vorn!
Die ganze Chose ging nun in die Hosen! Und zwar gewaltig! Und ich kann mich dem Gedanken nicht erwehren, dass es nicht unbedingt Andrina selbst war, die es versemmelt hat gestern Abend. Diese Verantwortung dürfte man nicht ihr aufbürden. Definitiv nicht! Aber das weiss nur Andrina selber tief drinnen in ihrem eigenen Herzen, wo und woran es gefehlt hat.
Die Lehren, die aus diesem Fiasko gezogen werden müssen, um trotzdem einen Schritt vorwärts zu machen, muss sich nicht nur Andrina machen. Da sind wahrscheinlich (auch) andere gefordert!
Rang 10:
Scilla - "Barbie doll"
Francine Jordis Aufforderung an Scilla (im Falle eines Sieges), die Stiefel gegen High-heels auszutauschen war einer der besseren Witze, die die Lady von sich gab. Nur, der war gar nicht als Witz geplant....!
Windmaschinchen hat gewaltig aufgeatmet, als Scillas Performance vorüber war. Scilla hat sich in guter Weise von ihrem unsäglichen Video "getrennt" und eine solide, ansehnliche Vorstellung geliefert. Natürlich war da immer noch der unsägliche Song selber, aber immerhin.
Scilla - "Barbie doll"
Dass dann eine Britney Spears alla ticinese ans Mikrofon trat, machte alles gleich wieder kaputt. Was solls? Kann ja nicht alles haben. Gesanglich lag Scilla im unteren Bereich der Teilnehmenden, aber immer noch akzeptabel.
Pluspunkte gabs natürlich für den Gebrauch der Windmaschine, die an diesem Abend so sträflich vernachlässigt wurde!!
Immerhin brachte sie ein schallendes Lachen auf Windmaschinchens Gesicht, als sie Sven Epiney gestand, eigentlich ganz gut schweizerdeutsch zu verstehen, nachdem sich dieser radebrechend auf das italienische Sprach-Terrain begeben hatte! Das war echt zum Lachen.
Ansonsten? Nichts zu lachen bei "Barbie doll"
Rang 11:
Duke - "Waiting for ya"
Wars der Musik-Stil Rap, der Auftritt oder das "grosse Durcheinander", was schlussendlich zum enttäuschenden zehnten Rang von Dukes "Waiting for ya" führte?
Schwer zu sagen. Gesanglich war die Darbietung eigentlich gut. Und das "rappige" am Song ging ja zu einem grossen Teil verloren. Am meisten geschadet hat wohl der fehlende Fokus der Vorstellung! Mal war Duke im Zentrum, dann der Background-Gesang, dann Daniela Simmons. Das Durcheinander zeigte sich nirgends besser wie am Ende der Vorstellung, als ausgerechnet Duke hinter dem Background-Chor zu stehen kam.
Duke - "Waiting for ya"
Der Kleiderwechsel war vielleicht gut gemeint, kam aber als "das-kommt-beim-ESC-an" rüber. Immerhin ist die Anzahl der Kleiderwechsel rekordverdächtig. Hinzu kam, dass diese nicht fernsehgerecht umgesetzt wurden.
Dass Daniela Simmons die Gelegenheit erhielt, an der "Grossen Entscheidungs-Show" teilzunehmen, ist Duke hoch anzurechnen. Die Arme fühlte sich aber wohl eher als Mutter Theresa unter all den knapp dem Schutzalter entsprungenen Jugendlichen. Wäre echt schön, wenn einer Frau und Künstlerin wie Daniela Simmons mal wieder jemand einen wirklich guten Song zugespielt werden würde. Älterwerden hat nichts mit fehlender Modernität zu tun im Falle!
Heilige Null-Punkte, was für ein Desaster! Es gibt nun beim bestem Willen (der bei mir in diesem Fall halt wirklich schon ein bisschen strapaziert wurde soweit) nichts, das an dieser Performance nicht auf dem letzten Platz gelandet ist: Song, Gesang, Auftritt, Tänzerinnen. You name it! Dem Gelage auf der Bühne fehlten nur noch die drei nötigen Stangen und der Go-Go-Club hätte eröffnet werden können.
Dominique Borriello - "Il ritmo dentro di noi"
Ich versuchte das Ganze zuerst humoristisch anzugehen, war aber nach 12 Sekunden bereits den Tränen nahe! So eine Vorstellung darf man am schwulenfreundlichsten Anlass der Welt (oder auch sonst wo, for that matter!!!) nicht bringen! Erst letztes Jahr hat dies Mazedonien versucht und ist zum freudigen Glück miserabel gescheitert! Während in Mazedonien vielleicht das Gleichgewicht zwischen Sex, Porno und Homosexualität noch leicht (...) unausgeglichen ist im Moment, sollte man meinen, dass so etwas in der Schweiz nicht mehr möglich sein sollte. Mann, habe ich mich getäuscht! Es hat ja hoffentlich wohl nichts mit dem Wallis zu tun, oder???
Die grösste Überraschung bot Dominique Borriello wohl aber am Schluss seines Songs, als nicht etwa die Walliser-Wappen auftauchten sondern die Schweizer Wappen. Ob der gute Dominique wohl wieder ins Wallis einreisen darf?
Das war nicht ein Pop-Corn Song, sondern wohl eher ein Cock-Porn Ding! Da war Nick Hartmanns "Kantönli-Geist"-Aufruf wohl eher als Hilfeschrei zu verstehen.