Halbzeit bei der Videobewerbung für "Die grosse Entscheidungs-Show". Höchste Zeit für eine erste Zwischenbilanz!
Link zur "Entscheidungs-Show"-Webseite findest du
hier
Kurzfassung:
- 1 Hammersong mit Riesenpotenzial
- 1 guter Song
- 1 desparate girl
- 1 gute (ESC-)Bekannte
- und viel, viel Ramsch
Fangen wir gleich mal unten an!
Das erste Problem, das sich bei dieser neuen Art der Schweizer Vorausscheidung zeigte, war, dass einige sich einen Deut darum scherte, was die Bedingungen sind, um sich für den ESC anzumelden. Entweder waren die Teilnehmerinnen zu jung (Atomic Angels), der Song zu alt (Simu's "Goldne Thron") oder es handelte sich um eine Cover-Version eines älteren ESC-Songs (Dänemarks "Drama Queen").
Das Schweizer Fernsehen hatte also schon mal alle Hände voll zu tun, die hochgeladenen Titel auf ihre Korrektheit hin zu prüfen.
Gleich zu Beginn überschwemmten Todomondo die Webseite. Die Vertreter Rumäniens 2007 stellten gleich mal mehrere Songs online. Nicht einer davon kam dem amüsant herrlichen "
Liubi, liubi, I Love You" nahe, welcher in Helsinki den 13. Platz belegte. Aus was für Gründen auch immer wurden dann alle bis auf einen ("Caliente") wieder von der Seite entfernt. Dass Todomondo's Lead-Sänger Ciro de Luca nicht davor zurückschreckte, selbst mehrere Songs (zurzeit drei) hochzuladen, zeigt, dass der Ausdruck "Eurovision-Flittchen" nicht einzig auf Frauen gemünzt sein muss....!
Die
Peinlichkeiten einiger Beiträge beginnen schon bei einer gewissen
Melissa Serpico, deren Ehrgeiz, Selbstdarstellung und Geltungsdrang um einiges grösser ist als ihr Talent, wenn man in ihrem Fall überhaupt von Talent sprechen kann! Zur Zeit vergeuden sagenhafte neun Songs den teuren Serverplatz des Schweizer Fernsehens! Ihr Jungfrauen-Gitarren-Geplärre lässt die Aktien von Ohrstöpsel-Herstellern in die Höhe schnellen! Grausig! Gibt man ihren Namen auf Youtube ein, fällt einem vor allem ein Beitrag auf, der ihren Geltungsdrang ins Reich des Wahnsinnigen abdriften sieht. So es denn wirklich dieselbe Melissa Serpico ist, sieht man sie dort bei "
Britain's got talen" auf der Bühne stehen und posaunt heraus, dass ihr Hund, Laika, dem sie Schal und Hütchen überzieht, Gitarre spielen wird. Bin ich froh, dass die Jury beim Schweizer Vorentscheid 50% Mitspracherecht erhält, wenn es darum gehen wird, die Finalteilnehmer zu bestimmen....!
Gil Laufer's "Changed" ist ein weiterer Beitrag gnadenloser Überschätzung und zeigt beispielhaft vor, wie bodenlos tief das Niveau bei solch frei zugängigen Teilnahmen sein kann.
In der Kategorie "Joke-Beiträge" tummelt sich vor allem
Fred Weston an dessen Spitze, wenn auch ungewollt vom Interpreten selbst. Seine Ode
"Zürich my love" würde wohl selbst von Freddie Quinn himself verschmäht und wird der eh schon in der Schweiz ungeliebten Stadt Zürich nicht gerade zu mehr Sympathie verhelfen! Einzig die Basler dürften ihre helle Freude daran haben und werden sicher in Scharen für diesen Beitrag stimmen, damit sich Zürich dann auf nationaler Ebene am 11. Dezember beim Finale vollumfänglich und grösstmöglich blamieren kann.
Die häufigst verwendete Sprache ist wenig überraschend Englisch. Erfreulicherweise gibts viele Songs auf Italienisch, obwohl die meisten davon als billige Italo-Schnulzen daherkommen.
Diesbezüglich sind die französischen Songs um einiges vielfältiger, was den Stil angeht. Highlight davon sicherlich
Daliah's "Levant" (Typus "Les cowboys fringants"), dessen Video dermassen schräg ist, dass man sich schon fast wünschen würde, die behaarte Brust des Darstellers auf der ESC-Bühne zu Düsseldorf sehen zu können...! Schaut euch das entsprechende Video einfach mal an und ihr wisst, wieso Windmaschinchen nicht gerne zelten geht: man weiss schlicht nie, wann man plötzlich solch irrwitzige Typen neben sich vorfindet und nicht weiss, ob man die Ambulanz, die Polizei, den Dealer oder einfach nur die Videokamera holen soll!
Sehr enttäuschend hingegen ist der Anteil deutschsprachiger Songs. Ob Hochdeutsch oder Schweizerdeutsch: der Anteil liegt praktisch bei Null!
Unter den meist unbekannten Teilnehmern gibt es aber eine
Teilnehmerin, die einem breiteren Publikum bekannt sein wird:
Mariella Farré. Sie nahm zweimal für die Schweiz am ESC teil:
1983 mit dem wunderbaren "
Io così no ci sto" (Platz 15) sowie zwei Jahre später,
1985, zusammen mit Pino Gasparini mit "
Piano, piano" (Platz 12).
Nun meldet sich Mariella Farré also zurück. Es wäre interessant zu wissen, was ihre genauen Beweggründe zu dieser Rückkehr sind. Zu beginn ihres Videos mit dem Titel "
Should I" gibt sie als Grund "den tollen Song" an, aber Windmaschinchen meint, dass da wohl noch weitere Gründe dafür vorhanden sein müssen. Auf jeden Fall ist ihr "Coming home" bei Windmaschinchen sehr willkommen. Hier scheint es sich wirklich um einen eingefleischten ESC-Fan zu handeln! Welcome back, Mariella!".
Nun, das Comeback ist toll, der Song ist es aber leider nicht! Was Mariella als "sackstarken" Refrain anpreist, entpuppt sich beim Hören als höchst durchschnittlich und bemüht. "Should I" kommt verstaubt und altbacken daher, zeugt von lang vergangenen Zeiten und hinterlässt bei Windmaschinchen einen enttäuschenden Eindruck. Ist das alles, was einer guten und stimmlich starken Sängerin heutzutage angeboten wird? Schade, dass Mariella Farré die musikalische Entwicklung nicht intensiver verfolgt hat.
Wie
verzweifelt und unkoordiniert einige
Künstler werden können (und dabei handelt es sich einmal mehr um eine junge Person), zeigt sich am Beispiel von
Sarah Burgess aus den USA. Sie, ein Opfer der 6. Idol-Staffel, scheint dermassen verzweifelt nach "Exposure" zu suchen, dass sie hofft, diese ausgerechnet am ESC finden zu können. Immerhin kann berichtet werden, dass ihr Titel
"Just me" einigermassen hörenswert ist und dass sie, Sarah Burgess, einigermassen gut singen kann. Sie passt aber zur Schweizer ESC-Ausscheidung wie belgische Schokolade in einem Sprüngli-Geschäft.
So, angeln wir uns langsam aber sicher dem guten Teil der zurzeit aufgeschalteten Songs durch. Und diesem Teil gehören momentan lediglich zwei Songs an.
Da hätten wir mal
Jenny Trace mit ihrem "
For you". Hier haben wir es mit einem ESC-typischen Song der Katgorie
Power-Ballade mit etwas Dramatik und leichtem Hang zum Gotischen zu tun. Guter und zügiger Einstieg mit starkem Übergang in den Refrain. Der Song entwickelt sich gegen Schluss hin zu einer Art Hymne und findet seinen Höhepunkt in einem aussergewöhnlichen Key-Change. Windmaschinchens Welt scheint somit in Ordnung zu sein!
Verbesserungspotenzial gibt es bezüglich der englischen Aussprache, die eher an eine weissrussische Vorausscheidung erinnert denn an eine schweizerische...! Die verwendete Lip-Sync Technik im Video mit extremem Zungenschlag erinnert auf eine eher lächerliche Art und Weise an Britney Spears "Baby one more time". Aber daran kann die Jenny ja noch arbeiten. Der Song ist aber gut, hat positive Qualitäten und dürfte sogar noch etwas härter angeschlagen werden! Ein sicherer Finalist, so sie es auch stimmlich bringt!
Nun kommen wir zu
Windmaschinchens absoluten Favoriten soweit: der Song heisst "
Love is one" und gesungen wird dieser absolut geniale Song von
Ad-Rian!
Der gemäss
Homepage in Rüschlikon geborene und weitgereiste Sänger scheint in der Tat bei all seinen Stationen musikalisch etwas mitgenommen und in seine Musik (und speziell in diesen Titel) integriert zu haben. In "Love is one" scheint es eine ganze Palette verschiedenster Stile zu haben: vom angehauchten Rap über Hip/Trip-Hop hin zu Leicht-Rock und gefühlvollen Harmonien zum absoluten Schwelgen, die eine schwärmerische und schon fast melancholische Spannung erzeugen, die einem von Beginn weg zu fesseln vermag. Ja, man könnte sogar noch einen Hauch von Glam entdecken, wäre man sehr freizügig!
Spontan kommt mir beim Hören von "Love is one" auch der grandiose Everlast in den Sinn, dessen härterer Drang zu Rap/Hip-/Trip-Hop und purem Rock seinen Höhepunkt auf "White trash beautiful" widerfindet!
"Love is one" entwickelt eine angenehme Härte und Mischung verschiedener Stile, dass sogar selbsternannte und weichgespülte Kuschelrocker Zugang finden werden! "Love is one" erinnert im Hintergrund entfernt an maNga's "
Be the sam" (Türkei 2010), was aber als Kompliment gedeutet werden soll!
Dass Ad-Rian sich sogar zu einem simplen, aber effizienten Key-Change hinreissen lässt, überrascht in seiner Art. Offenbar war sich Ad-Rian nicht zu schade, das Thema ESC ein bisschen eindringlicher anzugehen. Wie sehr er deswegen über den eigenen Schatten springen musste, wird er uns sicherlich mal verraten....! Auf jeden Fall hat hier einer seine Hausaufgaben gemacht und kommt mit einem pfannenfertigen Produkt daher!
Der ganz grosse Vorteil von "Love is one" besteht darin, dass der Zuhörer auf dem schnellstmöglichen Weg Zugang zum Song findet. Er packt einem von Beginn weg und lässt einem nicht mehr los.
Optisch ginge Ad-Rian als "grosser Bruder" von Adam Lambert durch, was die ganze Sache noch um eine Spur sympathischer macht!
Einzig bei der Bekleidung wäre es vielleicht angebracht, nächstes mal nicht mehr mit Chris von Rohr auf Kleidersuche zu gehen....!
Mit "Love is one" ist Ad-Rian ein ganz grosser Wurf gelungen und wir haben einen ersten grossen und ernstzunehmenden Teilnehmer! Bravo!
Wir dürfen gespannt sein, was uns die verbleibenden zwei Wochen bringen werden. Die ersten zwei Wochen deuten auf ein würdiges Finale hin, gemessen an den VIDEOS!