Nun ist es endlich soweit: Deutschland sucht heute Freitagabend seinen Star für Oslo. Nach etlichen Vorausscheidungen stehen sich heute Abend
Lena Meyer-Landrut und
Jennifer Braun gegenüber.
Ist in Deutschland die neue ESC-Euphorie ausgebrochen? Nein, mitnichten, denn das gross angelegte Projekt ist einzig und alleine Stefan Raabs Kind. Um einen Meinungsumschwung in Deutschland einzuleiten, brauchts schon noch ein bisschen mehr! Allem voran ein guter Song, und der ist bis jetzt noch nicht bekannt. Dieser wird - aus einer Auswahl - heute Abend vom Publikum gewählt und in dessem Schlepptau dann auch die Interpretin. Was immer auch die Qualitäten dieser zwei blutjungen Frauen sind, ist der Song schlecht, wird der Ganze "USFO"-Aufwand innert Sekunden in Schall und Rauch aufgehen.

Stefan Raab geht also mit seine Show ein beträchtliches Risiko ein. Was immer man von Stefan Raab halten mag, sein Engagement für den Eurovision ist äusserst lobenswert. In Deutschland würde sich ansonsten niemand für dieses Mega-Event engagieren lassen.
Windmaschinchen war noch nie ein grosser Fan dieser Talent-Shows. Ein paar wenige Teilnehmer dieser Mach-mich-zur-Sau-Veranstaltungen hatten ihre 15 Minuten Rampenlicht, die meisten anderen schämen sich noch Jahre später über ihre 15 Minuten der Scham. Und wenns dann noch solche Scharfrichter, die unter dem Namen Juroren, ihre Pimmelchen-Bruch-Geschichten an die Öffentlichkeit tragen müssen, stellt Windmaschinchen seinen Dienst kurz mal ein.
Umso wohltuender wars dann zu sehen, dass Stefan Raab und seine munteren Juroren die ganze Chose dann doch ein bisschen humaner angingen. Dies wohl ein gewollter Kontrast zu der hinlänglich bekannten Fallbeil-Methodik ähnlicher Sendungen.
Dies gesagt, bleibt nur noch der Hinweis, dass die letzten zwei Sendungen vor dem Finale dann aber doch ein bisschen zu sehr nach "Group-Hug" à la Golden Girls zu verkommen drohte.
Rückblick aufs HalbfinaleKerstin FrekingDas Halbfinale anfangs Woche hatte es dann in sich. Dass
Kerstin Freking als erste Kandidatin rausflog, war weiter nichts Überraschendes.
Zu eindimensional und unspektakulär war ihre Stimme. Sie war auch die "am meisten am Boden gebliebene" Kandidatin, bot dabei aber keinen Kontrast zu den andern drei!
Sympathisch war sie aber alleweil, doch genügte das zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.
Christian "Dursti" DurstewitzDann die grosse Überraschung:
Christian "Dursti" Durstewitz überlebte zur Überraschung aller den nächsten Cut auch nicht mehr. Alles deutete auf einen Final zwischen Christian und Lena hin, und
peng, bist du draussen. Ich war heilfroh über dieses Ergebnis, denn der "Dursti" kam mir viel zu lässig über die Bühne. Fast schon ein bisschen nonchalant, um nicht sogar überheblich zu sagen. Das Ewige "alles ist cool" und "überhaupt", ging mir von Beginn weg auf den Geist. Sicher,
er hat einiges zu bieten. Bei ihm
geht voll die Post ab, er
singt in der Tat
nicht schlecht und versteht es, das Publikum zu packen.

Bei solchen Sendungen kommt ja nie alles durch, wer und was so einen Mensch ausmacht, aber bei "Dursti" hatte ich nie das Gefühl, dass der sich bewusst war,
was für eine einmalige Chance er mit "USFO" erhalten hatte. Er war einfach hier, lümmelte sich auf die Bühne, lieferte sein Ding ab (und dies gekonnt) und das wars dann mal. Ganz nach dem Motto "Es wird schon irgendwie gehen". Und es geht nicht immer
einfach so, sehr häufig sogar nicht!
Wenn der "Dursti" das nächste Mal in irgendeinem schummrigen Schuppen mit einer angesoffenen Band das sturzbetrunkene Samstagabend-Publikum unterhalten will, wird er merken, was für eine Chance er hatte bei Stefan Raab. Talent alleine genügt nicht, weder bei "USFO" noch im sonstigen Leben! Wäre schön, wenn er - bei all seinem vorhandenen Talent - etwas von dieser einmaligen Erfahrung mitnehmen würde.
Lena Meyer-Landrut - Die widerspenstige Zähmung
Was will man über diese junge Dame bloss sagen? Sie hat weder eine wirklich gute Stimme, noch trifft sie alle Töne korrekt. Sie scheint kaum in der Lage zu sein, geradeaus laufen zu können, noch ihre wild gestikulierenden Hände unter Kontrolle zu halten. Beine und Füsse scheinen vom Oberkörper losgelöst zu sein. Sie ist ein Zampano und Zappelphilipp, eine wilde Göre und ein verrücktes Huhn. Aber: sie hat Talent - immenses Talent. All diese "Unperfektheiten" vereint sie mit ihrer Liebe zur Musik, ihrer eigenen Art, Musik spüren zu können, Gefühle atmen zu lassen und ihrem innersten Ich freien Lauf zu gewähren. Und all das macht sie zu dem, was sie ist, was sie will und was sie kann.

Hier steht jemand auf der Bühne, der sein darf, was er ist: ein Mensch, der Musik lebt. Lange hatte man das Gefühl, dass ihre Songs zu einseitig, zu eingleisig sind. Ihre "Show" schien sich von Song zu Song zu wiederholen, bis sie sich entschied, "Mr. Curiosity" zu singen. Wow, was für ein Wake-Up call das war. Eine wahre Offenbarung! Gänsehaut von oben bis unten und zurück. Für einen klitzekleinen Augenblick hat man während der grandiosen Präsentation das Gefühl, dass hier gerade ein Mensch erwachsenen geworden ist! Das leicht missratene "The Lovecats" von The Cure holen einem dann aber wieder ein bisschen auf den Boden zurück!
Lena Meyer-Landrut bringt viel, sehr viel mit, um es im knochenharten Showbusiness weit zu bringen. Das grösste Hindernis auf ihrem Weg dorthin ist - sie selbst! Sie darf nicht "zum Programm" werden, sondern sie muss Programm machen. Dies allein wird entscheidend sein, ob Lena ein Sternchen bleibt oder zum Star avancieren wird.
Jennifer Braun - das Wintermärchen
"Die Frau, die sich traut", "Das hässliche Entlein". Jennifer Braun, die
unscheinbarste Kandidatin unter fast allen, hat sich fast unbemerkt und klammheimlich ins Finale geschubst. Auf Englisch würde man sagen "She has a run". Sie ist wohl jene Kandidatin, die sich am meisten bewusst ist, was gerade mit ihr passiert in diesen Tagen. Sie geniesst sichtlich jede Sekunde, denn sie ist sich bewusst, dass zu jeder Zeit das Ende des Traumes erreicht sein könnte. Ihr Bekenntnis, dass sie gerade die schönste Zeit ihres - noch jungen - Lebens durchwandere, nimmt man ihr voll und ganz ab. Sie ist diesbezüglich das Gegenstück von "Dursti".

Hat diese Frau eine
Entwicklung durchgemacht in den letzten Sendungen! Da schmettert sie im Halbfinale zuerst in überbordender Manier Gossip's "Heavy Cross" auf die Bühne, um eine Runde später Christina Aguilera's verletzliches "Hurt" zu intonieren, dass die
Gänsehaut-Maschinerie nach Lenas Auftritt erneut auf Hochtouren gebracht wird!
Da scheint zu Beginn der Staffel jemand nicht sonderlich von sich selbst überzeugt gewesen zu sein. Jetzt, wo man ihr von ihrem Talent erzählt hat,
holt sie zum grossen, ganz grossen Erfolg aus. Nach dem unglaublichen Halbfinale sagt sie nicht mehr "Platz da, hier komm ich!", nein, sie sagt auch gleich "...und tschüss!".
Jennifer Braun ist voll auf der Überholspur.
Viele meinen, dass sie es war, die den "Dursti" rausgehauen hat; ich meine, es war die Lena! Jennifer führt die Truppe an. Und ich wäre weder sonderlich überrascht, noch wirklich böse, wenn aus dem "hässlichen Entlein" der grosse schöne Schwan würde, der in geraumer Zeit Richtung Oslo abfliegen würde. Jennifer: carpe diem - geniesse den Tag
Windmaschinchen ist ganz happy mit den zwei Damen. Jetzt bleibt nur noch die Frage nach dem Song offen, und somit auch die Frage, ob Stefan Raabs Effort, den Deutschen den ESC wieder etwas näher zu bringen, mit "Ende gut, alles gut" oder mit "Viel Lärm um nichts" vermerkt werden kann.