Rückblick und Gedanken zu den Vorausscheidungen 2009
Die Kurzversion dazu könnte in etwa so lauten: der Osten Europas ist so schwach wie nie zuvor. Der Westen rafft sich auf!
Der ESC-Jahrgang 2009 ist aber insgesamt gesehen eher enttäuschend!Dabei deutete vieles auf ein wunderbares ESC-Jahr hin: Island startete verheissungsvoll mit vielem guten Material, Rumänien hatte die Qual der Wahl, Spaniens Online-Voting war geradezu inflationär gut besetzt, Ungarn brachte nach dem ersten Fiasko einen potentiellen Siegertitel aufs Tapet, bevor dieser gleich wieder in einem Fiasko endete, Andrew Lloyd Webber wurde für Grossbritannien angeheuert und bald machten sich Gerüchte breit, dass Patricia Kaas für Frankreich an den Start gehen könnte. Alles schien auf einen würdigen und beeindruckenden Jahrgang hinzudeuten, denn es fehlten ja noch ein paar grosse ESC-Nationen der Kategorie Fanatiker, wie z.B. Schweden, Serbien, Russland und die Ukraine.
Ost-Europa: ein Überblick
Und dann kam's knüppeldick - und zwar aus dem Osten: die Ukraine schickt ihren mit Abstand miesesten Beitrag nach Moskau, den das Land je produziert hat! Ähnliches lässt sich von Weissrussland und vor allem von Russland sagen! Die Songauswahl zum russischen Finale war etwas vom Grässlichsten, was menschliche Lauscher je zu hören bekamen!
Es kam mir vor, als müsste ich zwischen Pest und Cholera entscheiden! Dass am Schluss die Ukrainerin Anastasiya Prikhodko den Sieg holte, war die Sahne auf dem Klo und brachte wenigstens noch etwas an Zynik mit sich! Gespannt bin ich auf die letzten
20 Sekunden, wenn die Furie zum Nervenzusammenbruch ansetzt. Hält wohl der Boden?
Am meisten enttäuscht wurde ich von Serbien. Wer hat wohl hier für die Vorauswahl der Teilnehmer gesorgt? Ich komm einfach nicht um den Gedanken herum, dass hier sicherheitshalber mal alle qualitativ guten Songs gar nicht erst ins (Halb-)Finale zugelassen wurden...! Die finanziellen Folgen des letztjährigen ESC müssen erdrückend sein...! Gewinnen, dann aber auf die Ausrichtung des folgenden ESC zu verzichten, kommt natürlich für ein so stolzes und nationalistisches Land wie Serbien nicht in Frage! Wieso denn eigentlich nicht, es gäbe genug Länder, welche den ESC auch ohne Gewinn übernehmen würden - trotz weltweiter Wirtschaftskrise! Da schickt man dann doch besser von Beginn weg ein schlechtes Lied! Dies nur so als Gedanke!
Slowenien und Kroatien enttäuschten ebenfalls massiv. Slowenien verkaufte seine Seele dem Kitsch, und Kroatien bringt althergebrachte Folklore in falschen Tönen auf die Bühne. Aber es gab weder beim einen noch beim andern Besseres auszuwählen. Frustrierend aber auch beängstigend schlecht!
Montenegro hat dieses Jahr den Siegel-Joker eingesetzt und bringt somit den für Montenegro bisher besten Song an den ESC, was nicht unbedingt für die Qualität von "Just get out of my life" spricht, als vielmehr gegen die grottenschlechten Beiträge der montenegrinischen Vergangenheit ...! Das war taktisch aber eine Meisterleistung, lieber Ralph! Wie in einem
früheren Beitrag schon mal geschrieben, hat der gute alte Mann in Andorra ähnliche Perspektiven! "Ein bisschen Frieden" wird er sich wahrscheinlich auch in Zukunft nicht gönnen und hat vermutlich bereits
5'
429 weitere Songs in petto!
Mazedonien ist zuverlässig: es enttäuscht auch dieses Jahr - diesmal nur gewaltig! Diese
3 Minuten zeigen auch bei einem weichgeklopften und an Masochismus grenzenden ESC-Fan wie mir die Grenzen des Tolerierbaren auf. Dass Gitarren so was überhaupt spielen. Da kann ich nur zum Mikrofon-Streik aufrufen!
Vielleicht sollte Albanien für einmal seinen Song als letzte Nation auswählen, dann würde eventuell auch einmal das Niveau steigen. La-la-la mit Zuckerwasser!
Auf Bosnien & Herzegowina ist Verlass! Als EINZIGE Nation aus dem Osten kümmert sich Bosnien & Herzegowina weder um Weltwirtschaftskrise noch um den finanziellen Ruin, der ihnen droht, sollten sie dieses Ohr-Qualen-Festival gewinnen! Chapeau!
Über den Langstrassen-Beitrag Rumäniens will ich mich nicht länger aufhalten, zu frustriert bin ich heute noch über die Wahl ihrer
3-minütigen Zumutung. Da warf man "Perlen vor die Säue", und am Schluss wurde das Tier genommen....!
Tschechien bleibt sich treu - ganz dem Motto "Jemand muss ja Letzter werden". Da die Konkurrenz um die hintersten Plätze dieses Jahr aber heftig ist, könnte für einmal vielleicht ein zweitletzter Platz herausschauen. Alles andere wäre eine Überraschung!
Die Slowakei und Polen hinken der Zeit um Jahrzehnte hinterher und gelten auch heuer als Kanonenfutter. Bei der Slowakei fragt man sich nur, wie schief die hohen Töne durch unser Mark und Bein jagen werden! Was mich direkt zum krassen Krassimir nach Bulgarien bringt. Auf die Darbietung dieses Beitrags bin ich echt gespannt, ja freu mich sogar darauf! Da geht's um so wichtige Fragen, wie: halten die Stelzen, falls nein, wie weit fliegt das Opfer, reicht es bis in die vierte Reihe? Wann, wenn überhaupt, trifft Krassimir seinen ersten richtigen Ton? Trifft er die Bühne überhaupt? Tragen Kameramänner eigentlich einen Gehörschutz? Wir werden's sehen, und wir werden's fühlen (müssen).
Die Baltischen Staat (Estland, Lettland, Litauen) überzeugen auch dieses Jahr durch Mittelmass und Belanglosigkeit!
Fazit: es ist wirklich sehr, sehr erstaunlich, wie schlecht die osteuropäischen Beiträge dieses Jahr sind. Zufall? Oder doch nicht? Angst vor dem millionenschweren Unterfangen ESC? Geht dem Osten langsam aber sicher seine Stars aus? Pulver verschossen? Einzige löbliche Ausnahme dieses Ost-Flops: Bosnien & Herzegowina!
West-Europa: ein ÜberblickSkandinavien ist so kompakt und überzeugend wie selten zuvor. Die ESC-Euphorie ist nach wie vor ungebrochen!
Norwegen ist nach dem letztjährigen guten Abschneiden in eine wahre Euphorie geraten, welche sich mit Alexander Rybaks "Fairytales" nur noch gesteigert hat! Trotz qualitativer guter Titel in der Vorausscheidung kam es zu einem regelrechten Erdrutschsieg des "Märchens"! Die allgemeine Frage ist nur noch, wer hinter Norwegen auf Platz zwei erscheint!
Island trotzte der Wirtschaftskrise mit einer kleinen, aber feinen Vorausscheidung. Es geht also auch ohne grosses Brimborium! Herausgekommen ist eine Ladung wunderbarer Songs mit einer verdienten Siegerin! Ein grosses Bravo nach Island!
Finnlands Vorausscheidung war vielleicht schon stärker als dieses Jahr, brachte mit "Lose Control" dann aber doch einen überzeugenden, wenn auch leicht verjährten Beitrag.
Falls Niels Brinck noch an stimmlicher Power zulegt, wird auch Dänemark Freude haben am diesjährigen ESC.
Schwedens ehemalige Vormacht am ESC bröckelt weiterhin dahin. Die Aufmachung ist immer noch gewaltig, die Hingabe der Schweden immer noch legendär, aber an der Lieder-Front sieht es ganz böse aus. Schweden kommt nicht darum herum, sein ganzes System zu überdenken. Vor allem muss die Songauswahl komplett umgestellt werden!
Wohin es gehen könnte, zeigt uns Spanien ganz gut vor. Die eingereichten Songs werden online gestellt, und dann entscheidet das Volk übers Weiterkommen. Nicht irgend ein altmodischer Fersehdirektor oder ein Verantwortlicher der Einschaltquoten! Nein, den Zuschauern gehört die Macht! Spanien brachte mit Abstand die besten Songs mit in die Vorausscheidung - weil das Volk entscheiden konnte! Hallo Europa: so wird es gemacht! Dass mir der Siegertitel nicht so wahnsinnig gefällt, ist lediglich mein Problem.
Die jährlichen Favoriten Griechenland und die Türkei bringen überraschend leblose Songs mit nach Moskau. Die gezwungene Ungezwungenheit ihrer Beiträge nervt mich gewaltig. Die Ideenlosigkeit grenzt nahezu an Langeweile! Herzlose Gleichgültigkeit hier wie dort!
Andorra ist wie immer schwach! Belgien und Holland kümmern sich einen Deut um die Qualität ihrer Beiträge, jammern dann aber doch immer wieder über das miese Abschneiden ihrer Songs! Reisst euch zusammen, oder lasst es sein! Nur um der Tradition Willen braucht niemand mitzumachen!
Deutschlands Wahl ist nichts weniger als eine einzige grosse Peinlichkeit. Da verzichtet man kurzfristig auf den üblichen Vorentscheid, entscheidet sich für eine interne Auswahl und kommt dann mit einem Kalifornier im Gepäck zurück! Aber hallo, was soll denn das? Da hättet ihr für einmal die Möglichkeit, mit euren selbstverliebten Stars einen Deal auszuarbeiten, nur damit sich diese nicht in einem direkten Duell eines andern deutschen Stars messen müssen, und ihr verbockt euch diese Möglichkeit gleich selbst. So eine einzigartige Möglichkeit kriegt ihr nicht so schnell wieder! Habt's verdient! Da macht es ja sogar unser Schweizer Fernsehen noch besser mit ihrer Wahl.
Grossbritanniens Neuanfang war gut gemeint, aber mit der Wahl von Andrew Lloyd Webber zeigten die Insulaner kein gutes Händchen. ALW in Ehren, aber mit seinem altmodischen Song zeigt er uns lediglich, dass seine Zeit wohl abgelaufen ist!
Ich finde es eh fragwürdig, einen einzigen Song zu haben, und erst danach nach den geeigneten Interpreten zu sorgen. Der aufgeblasene Musical-Song "My Time" erhält wenigsten durch Jade eine Art von Dimension. Ansonsten ein Song zum Vergessen! I'm not amused!
Einmal mehr schlägt Frankreich seinen Erzrivalen alter Zeiten, Grossbritannien, um Längen - ja, sogar um Meilen! Die Wahl Patricia Kaas' war wohl DER coup de théatre der vergangenen zehn Jahre schlechthin! Dass wir im Falle von Frankreich mit einem der allerbesten Songs aller ESC-Zeiten belohnt wurden, ist das Sahnehäubchen! Je suis ravi!
Fazit: Euphorie und Nonchalance halten sich im Westen in etwa die Waage! Hier: wie gehabt Euphorie in Skandinavien, Revolution in Spanien, französische Klasse! Dort penetrante Gleichgültigkeit aus Belgien und Holland, sowie Verjährtes aus Andorra, Zypern und Malta.
Die Diskussion, ob es besser ist, eine mehrwöchige Vorausscheidung durchzuführen (wie z.B. Schweden, Island, Norwegen, Bulgarien, Slowakei, Malta etc.), oder ob der Interpret intern erkoren werden soll (wie z.B. Bosnien, Frankreich, Belgien, Holland etc.), ist irrelevant! Es kommt einzig darauf an, WER die Songs zur Vorausscheidung aussucht, resp. WER die interne Auswahl trifft. Gegensätzliche Beispiele einer Vorauswahl sind z.B. Rumänien (Top) und Bulgarien (Flop)! Die krassesten Gegensätze einer internen Wahl sind Bosnien & Herzegowina (Top) und Deutschland (Flop). Das sind Welten!
Ich bin für beide Welten! Jede bringt manchmal das Beste ebenso wie das Schlechteste von sich hervor!